Herausgeber: Röchling Stiftung / POLYPROBLEM Ausgabe: Dezember 2023 Originalquelle: https://polyproblem.org/wp-content/uploads/Polyproblem-%E2%80%93-Circularity-Code-4.pdf Lokale PDF: Polyproblem-–-Circularity-Code-4.pdf Umfang: 60 PDF-Seiten Status: Vollständige maschinelle Textextraktion aller PDF-Seiten (kein redaktionell geprüfter Volltext). Hinweis: Mehrspaltige Layouts, Tabellen, Fußnoten, Sonderzeichen und Grafiken können fehlerhaft bzw. unvollständig extrahiert werden. Die Original-PDF ist maßgeblich.
Inhaltsübersicht (Originalseite 2)
Inhalt
Alles auSSer Science-Fiction 3
WARUM SMARTES PLASTIK KOOPERATIVE MENSCHEN BRAUCHT 4
Digitale Chancen für Design, Produktion, Nutzung und Recycling
Wissen, was wirkt | Ökologische Gesamtbewertung und digitale Zwillinge 5
Wissen, was drinsteckt | Der digitale Produktpass erfordert auch einen Kulturwandel 7
„Die Chance liegt im gemeinsamen Lernen“ | Christoph Kugler, Kunststoff-Zentrum SKZ 10
Wissen, was ankommt | Die Technik ist vorhanden, das Geschäftsmodell nicht 12
Drei Fragen an | Jochen Moesslein von Polysecure 14
KLICKS FÜR KLÜGEREN KONSUM 16
Wie digitale Tools beim nachhaltigen Leben helfen
Apps im Dienst des Recyclings | Von Spielen, Anreizen und Verantwortung 17
Mit den Konzernen Hand in Hand | Initiator Stefan Siegl über die österreichische App RecycleMich 20
FAZIT | Wirkung unbekannt, Potenzial unbestritten 23
Der Mehrwert für Mehrweg | Wende im To-go-Bereich: Digital oder gar nicht? 24
BIG WASTE. BIG DATA. 26
Wie Digital-Pioniere die globale Abfallwirtschaft erneuern wollen
Transparenz zahlt sich aus | Digitale Abfalldatenerfassung und -analyse 27
Gastbeitrag von Dominic Santschi | Mitgründer von Ampliphi 30
Intelligent macht sauber | Technologie für die Optimierung der städtischen Abfallwirtschaft 32
Taste statt Tonne | Digitale Chancen für das Abfallmanagement in Schwellen- und Entwicklungsländern 35
Digital schafft Transparenz und Vertrauen | Monitoring per App 40
App-Entwicklung beim Kaffee mit den Abfallsammlern | Thierry Sanders, Geschäftsführer von Circular Action B.v. 42
Zu Land, Wasser und in der Luft | Wie sich Datenlücken mit digitalen Tools schließen lassen 45
Aus der Vogelperspektive | Fernerkundung von Plastik-Emissionen 48
VON FLUCH UND SEGEN 52
Ein Zwischenfazit
POLYPROBLEM: Wissen. Transparenz. Kooperation 54
Die Initiatoren im Portrait 55
Links zu genannten Organisationen 56
Quellenverzeichnis 57PDF-Seite 1
hilft … k-Wende Plasti der bei CIRCULARITY Digitalisierung WieDER NICHT WIE UNDCODE
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Inhalt
Alles auSSer Science-Fiction 3
WARUM SMARTES PLASTIK KOOPERATIVE MENSCHEN BRAUCHT 4 Digitale Chancen für Design, Produktion, Nutzung und Recycling Wissen, was wirkt | Ökologische Gesamtbewertung und digitale Zwillinge 5 Wissen, was drinsteckt | Der digitale Produktpass erfordert auch einen Kulturwandel 7 „Die Chance liegt im gemeinsamen Lernen“ | Christoph Kugler, Kunststoff-Zentrum SKZ 10 Wissen, was ankommt | Die Technik ist vorhanden, das Geschäftsmodell nicht 12 Drei Fragen an | Jochen Moesslein von Polysecure 14
KLICKS FÜR KLÜGEREN KONSUM 16 Wie digitale Tools beim nachhaltigen Leben helfen Apps im Dienst des Recyclings | Von Spielen, Anreizen und Verantwortung 17 Mit den Konzernen Hand in Hand | Initiator Stefan Siegl über die österreichische App RecycleMich 20 FAZIT | Wirkung unbekannt, Potenzial unbestritten 23 Der Mehrwert für Mehrweg | Wende im To-go-Bereich: Digital oder gar nicht? 24
BIG WASTE. BIG DATA. 26 Wie Digital-Pioniere die globale Abfallwirtschaft erneuern wollen Transparenz zahlt sich aus | Digitale Abfalldatenerfassung und -analyse 27 Gastbeitrag von Dominic Santschi | Mitgründer von Ampliphi 30 Intelligent macht sauber | Technologie für die Optimierung der städtischen Abfallwirtschaft 32 Taste statt Tonne | Digitale Chancen für das Abfallmanagement in Schwellen- und Entwicklungsländern 35 Digital schafft Transparenz und Vertrauen | Monitoring per App 40 App-Entwicklung beim Kaffee mit den Abfallsammlern | Thierry Sanders, Geschäftsführer von Circular Action B.v. 42 Zu Land, Wasser und in der Luft | Wie sich Datenlücken mit digitalen Tools schließen lassen 45 Aus der Vogelperspektive | Fernerkundung von Plastik-Emissionen 48
VON FLUCH UND SEGEN 52 Ein Zwischenfazit
POLYPROBLEM: Wissen. Transparenz. Kooperation 54 Die Initiatoren im Portrait 55 Links zu genannten Organisationen 56 Quellenverzeichnis 57
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Alles auSSer Science-Fiction
Schaffen wir das noch? Wenn Zweifel am Tempo der cenwende? Und wenn ja: Wie kann das konkret sozial-ökologischen Wende aufkommen, richtet sich funktionieren? der bange Blick gern hoffnungsvoll auf technologische Innovationen. Das ist beim Kampf gegen den Plastik- Die Aufgaben und Möglichkeiten für den Einsatz digita- müll nicht anders als beim Streben nach einem verrin- ler Technologien und Methoden entlang der Kunst- gerten Ausstoß von Treibhausgasen. stoff-Wertschöpfungskette sind vielfältig. Digitale Zwillinge unterstützen Produktentwickler beim nach- Die seriösen Experten sind sich einig, dass wir beides haltigen Design von Kunststoffprodukten. Riesige brauchen: eine nachhaltige Transformation und somit Datenbanken helfen, die ökologische Gesamtbilanz von auch veränderte Lebensweisen auf der einen und tech- Verpackungen zu bewerten. Neuartige Datenservices nologische Lösungen auf der anderen Seite. Idealer- können aus Produktionsdaten unterschiedlicher Unter- weise gehen soziale, ökonomische und technologische nehmen einen digitalen Produktpass erstellen. Künstli- Innovationen Hand in Hand. che Intelligenz optimiert nicht nur den Materialver- brauch in der Produktion, sondern wird schon bald Science-Fiction sollte man sich allerdings verbieten, auch Recyclingverfahren verbessern. Apps helfen Ver- wenn der Traum von noch zu erfindenden Wunderwaf- braucherinnen und Verbrauchern bei bewussten Kauf- fen gegen ökologische und soziale Krisen nicht das täg- entscheidungen. Und auch die Abfallsammlung und liche Handeln in der Gegenwart lähmen soll. Die POLY- -sortierung durch „Waste Workers“ in Entwicklungslän- PROBLEM-Redaktion hat sich deshalb ganz pragmatisch dern kann schon heute effizienter gestaltet werden. angeschaut, was die Digitalisierung heute schon dazu beitragen kann, den Umgang mit Kunststoff nachhalti- Ohne Anspruch auf Vollständigkeit haben wir den digi- ger zu gestalten. talen Chancen für einen nachhaltigen Umgang mit Kunststoff in Expertengesprächen nachgespürt und Es klingt nach einer Binsenweisheit: Je komplexer ein versucht, sie zu einem Gesamtüberblick zu verbinden. System, je aufwendiger die Prozesse, desto größer Vorweg: Die alles rettende Wunder-Maschine haben erscheinen die Chancen der Digitalisierung bei dessen wir nicht gefunden. Dafür ist eine Erkenntnis immer nachhaltiger Gestaltung und Nutzung. Die Kunststoff- wieder aufgetaucht: Nicht fehlende oder unausgereifte Wertschöpfungskette ist äußerst komplex. Und die Technologie ist eine Hürde. Auf die Bereitschaft, sie darin verwendeten Materialien sind es auch. Beschleu- kooperativ zu nutzen, kommt es an. Und das ist wiede- nigt also der digitale Wandel die notwendige Ressour- rum ein ziemlich analoges Problem.
Herausgeber Redaktion & Text Fotos Röchling Stiftung GmbH Wider Sense GmbH Anne Marie Jacob, Adobe Stock, SKZ – Richard-Wagner-Straße 9 Pfalzburger Str. 43-44 Elena Hadick, Das Kunststoffzentrum, 68165 Mannheim 10717 Berlin Lisa Nerb (Wider Sense), Polysecure, Raan Gruppe, +49 621 4402 232 +49 30 24088 240 Uwe Amrhein (Röchling Stiftung) Mehrwegallianz – Anita info@roechling-stiftung.de info@widersense.org Back, Ampliphi, Circular www.roechling-stiftung.de www.widersense.org Gestaltung Action B.V. ds.DTP – Detlef Scholz Dezember 2023 www.polyproblem.org
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WARUMSMARTESPLASTIKKOOPERATIVEMENSCHEN Produktion, Design, für Chancen Digitale RecyclingBRAUCHTund Nutzung
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Wie Kunststoff-Verarbeiter künftig nachhaltigere Komponenten gestalten Wissen, was wirkt Ökologische Gesamtbewertung und digitale Zwillinge
Funktion und Leistungsfähigkeit, Nachhaltigkeit, Preis: In diesem Dreiklang gewinnt die Nachhaltigkeit immer größere Bedeutung, wenn Kunststoff-Verarbeiter Produkte für die anwendende Industrie entwickeln. Das erfordert einen neuen, ganzheitlichen Blick auf Produkte, der ohne digitale Unterstützung kaum noch möglich ist.
Sowohl die steigenden regulatorischen Anforderungen muss für die jeweilige Anwendung im Einzelfall bewer- als auch die gewachsene Sensibilität der Verbraucher tet werden“, verdeutlicht der Wissenschaftler. hat dazu geführt, dass industrielle Kunden von ihren Lieferanten heute eine ökologische Gesamtbewertung Polyamid verursache in der Herstellung einen etwa – ein sogenanntes Life-Cycle Assessment (LCA) – der dreifach höheren CO₂-Ausstoß als Polypropylen. Dafür gelieferten Komponenten verlangen. erlaubt es aber, die Wandstärke des daraus hergestell- ten Produkts um ein Mehrfaches zu reduzieren. Welche Dabei spielen so viele und so unterschiedliche Parameter Eigenschaft fällt für die Umweltverträglichkeit am Ende eine Rolle, dass die Produktentwicklung ohne datenge- stärker ins Gewicht? stützte Modellierungen kaum noch denkbar erscheint. Wie viel Treibhausgas setzt der Produktionsprozess frei? Kurz: Auf die ökologische Gesamtbewertung kommt Wie wirkt sich das Gewicht unterschiedlicher Materia- es an. lien auf die Nachhaltigkeit des Produkts aus? Und: Was geschieht nach der Gebrauchsphase? Ist das Bauteil Noch sei es nicht selbstverständlich, dass solche Fragen rezyklier- oder gar wiederverwertbar? Nur einige von schon bei der Produktentwicklung gestellt werden. „Bis vielen Fragen, vor denen Produktentwickler stehen. vor Kurzem war es der Normalfall, dass Kunststoffpro- dukte unter funktionalen und wirtschaftlichen Gesichts- „Eine hohe Nachhaltigkeit eines Kunststoffprodukts ist punkten gestaltet wurden und eine andere Abteilung nicht automatisch gleichzusetzen mit dessen Recyc- dann erst nachher die Nachhaltigkeitsbewertung des lingfähigkeit. Nachhaltigkeit entsteht durch die Summe produzierten Bauteils gemacht hat“, weiß Endres. Das vieler Parameter, und eine hohe Kreislauffähigkeit oder ändert sich gerade. geringerer Ressourcenverbrauch durch Recycling ist nur ein Teilaspekt dabei“, verdeutlicht Hans-Josef Endres Dabei ist die Idee, bei der ökologischen Gesamtbewer- das Problem. Endres ist Professor an der Leibniz tung auf umfassende Datensätze zurückzugreifen, kei- Universität Hannover und leitet dort das Institut für neswegs neu. Ökobilanzdatenbanken als Grundlage für Kunststoff- und Kreislauftechnik. Er nennt Beispiele: ein Life-Cycle-Assessment (LCA) gibt es seit den frühen „Mehrschichtige Kunststofffolien, sogenannte Multi- 1980er-Jahren. Die heute umfangreichste und am Layer, gelten allgemein als umweltschädlich, weil sie meisten verwendete Datenbank dieser Art ist GaBi, kaum zu recyceln sind. Dagegen ist ein Monomaterial eine Plattform des US-amerikanischen Unternehmens zwar besser recycelbar, muss dafür viel dicker sein, um Sphera. Andere sind Ecoinvent aus der Schweiz oder ähnliche Barriereeigenschaften zu erreichen. Ich brau- die ursprünglich in Aachen entwickelte Datenbank che also mehr Material und erzeuge damit auch ein cm.chemicals. höheres Gewicht. Was die nachhaltigere Alternative ist,
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Das Angebot an Software, die mit diesen Daten arbei- hend stark gestiegenen Beratungsbedarf der Unter- tet, ist riesig. Die Phalanx der Anbieter reicht von den nehmen registriert. großen Softwarekonzernen bis hin zu kleinen Start-ups und Open-Source-Projekten wie openLCA. Diese Lücke sieht auch Dr. Hermann Achenbach, Bereichsleiter Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft Ihr gemeinsames Versprechen ist der „Digitale Zwilling“. am Kunststoff-Forschungszentrum SKZ. Er erkennt Der Name verrät schon das Ziel: Mithilfe der Software noch Nachholbedarf bei der „Digital Readyness“ in vie- lassen sich virtuelle Simulationen eines künftigen Pro- len Unternehmen. „Gute Analyse-Tools sind eine Sache, dukts unter Berücksichtigung unterschiedlicher Para- aber man muss interpretierbare Daten auch aus den meter wie eingesetzte Materialien und verschiedene Maschinen beim Verarbeiter herausbekommen.“ Produktionsverfahren erstellen. Im Idealfall spielen die Produktentwickler verschiedene Materialien und Pro- Die produzierenden Unternehmen stehen folglich vor duktionsszenarien durch und gelangen so zu einem der Herausforderung, in den digitalen Wandel für eine Produkt, das in der ganzheitlichen Nachhaltigkeitsbe- nachhaltigere Produktion in Personal und Technik zu trachtung am besten abschneidet. investieren, ohne damit absehbar Geld verdienen zu können. Das ist vor allem für die Zulieferer ein Problem. Der digitale Zwilling führt die Produktentwickler, vor „Unsere Kunden erwarten kreislauffähige Produkte, allem in der verarbeitenden Industrie, also zum optima- sind aber selten bereit, dafür höhere Preise zu zahlen. len Kompromiss zwischen Wirtschaftlichkeit, Leis- Und ein möglicher Imagegewinn zahlt auch nicht bei tungsfähigkeit und Nachhaltigkeit eines Produkts. uns als Zulieferer ein“, fasst der Entwicklungschef eines großen Kunststoff-Verarbeiters zusammen. Die dafür notwendigen Daten sind vorhanden, die digi- tale Technologie auch. Mit einigen Klicks ist es aller- Hermann Achenbach, selbst ständig in Kontakt mit dings nicht getan. „Software kann man kaufen. Aber die Branchenvertretern, bestätigt dieses Dilemma: „Ich Prozesse einschließlich der Input- und Outputströme glaube, dass wir entlang der Kunststoff-Wertschöp- sowie die entstehenden Nebenprodukte und Abfälle fungskette noch lange keinen von der Nachfrage getrie- müssen korrekt modelliert und die Resultate auch ent- benen Markt für digitale Innovationen haben werden. sprechend bewertet werden“, weiß Hans-Josef Endres, Das muss auf absehbare Zeit durch regulatorische Vor- der in jüngster Zeit an seinem Institut einen dahinge- gaben vorangetrieben werden.“
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Herausforderungen für Inverkehrbringer von Verpackungen Wissen, was drinsteckt Der digitale Produktpass erfordert auch einen Kulturwandel
Um zu wissen, wie ein Kunststoffprodukt beschaffen und nach dem Gebrauch am besten zu verwerten ist, müssen zahlreiche Informationen gebündelt werden. Das klingt einfa- cher, als es ist.
Bis ein in Kunststoff verpacktes Produkt im Verkaufsre- ter versteht man eine digitale Anwendung, die Produkti- gal steht, durchläuft die Verpackung viele Produktions- onsdaten bezüglich des verwendeten Materials, seiner schritte. Der Kunststoff-Hersteller stellt das Rohmaterial Beschaffenheit und der Verarbeitung für ein bestimmtes zur Verfügung. Der Compoundeur reichert es mit Addi- Produkt bei allen an der Produktion beteiligten Unter- tiven an, um ihm die gewünschten Eigenschaften zu nehmen automatisiert direkt an den Maschinen abholt geben. Der Verarbeiter „baut“ das Produkt – beispiels- und nach einem gemeinsamen Standard aufbereitet. weise eine Kosmetikverpackung. Der Abfüller bedruckt es schließlich zumeist mit Farben oder versieht es mit An technischen Lösungen dafür mangelt es offensicht- einem Etikett. lich nicht. An der Umsetzung umso mehr – denn sie erfordert eine neue Kooperationsbereitschaft über die „Jeder dieser Prozessschritte beeinflusst die Kreislauf- Grenzen von Branchen und Unternehmen hinweg. fähigkeit. Die dafür relevanten Daten entstehen an unterschiedlichen Stellen der Wertschöpfungskette, Heino Claussen-Markefka kann ein Lied davon singen. laufen aber bisher kaum automatisiert zusammen“, Er ist Geschäftsführer der ProData GmbH, die mit schildert Dagmar Glatz die Hausforderung. Sie ist bei R-Cycle eine Lösung zur Erstellung digitaler Produkt- dm Drogeriemärkte für Nachhaltigkeit zuständig und pässe anbietet. R-Cycle ist ein digitaler Rückverfol- täglich mit dem Problem konfrontiert. gungsstandard für Kunststoffprodukte. Der Datenser- vice kann die für das Recycling relevanten Daten eines Die Packaging & Packaging Waste Regulation (PPWR) Produkts direkt von der Maschine erhalten – und zwar der EU sieht vor, dass Verpackungen ab spätestens bei allen Unternehmen, die mit der Produktion des 2030 zu mindestens 55 Prozent aus Rezyklat gefertigt jeweiligen Artikels befasst sind. Diese Daten werden und vollständig recyclingfähig oder wiederverwendbar zusammengeführt und bilden so die Grundlage für den sein müssen. Nachzuweisen hat das der Inverkehrbrin- digitalen Produktpass. ger. „Das können wir natürlich nur gewährleisten, wenn wir genau wissen, was in jedem Produktionsschritt pas- So weit die Theorie. Bei der praktischen Umsetzung siert“, macht Dagmar Glatz deutlich. Und genau da hakt krankt es indes nicht an technischen, sondern an recht- es noch erheblich. „Nicht selten werden Datenblätter lichen Fragen. „Unternehmen zögern damit, ihre Pro- noch als PDF hin- und hergeschickt“, berichtet die duktionsdaten zu übermitteln – schon allein, weil damit dm-Nachhaltigkeitsmanagerin. die Frage verbunden ist, wer diese Daten speichern und auswerten darf und wie dabei Betriebsgeheimnisse Kein Wunder also, dass der Digitale Produktpass aktuell gewahrt werden können“, sagt Claussen-Markefka. ein regelrechtes Zauberwort in der Branche ist. Darun-
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Es ist also nicht nur neue Technologie erforderlich, son- setzen andere Anbieter auf die Integration zusätzlicher dern vor allem ein neues Kooperationsverständnis in Aufgaben und deren Lösungen. den Unternehmen. Denn hinter dem Digitalen Produkt- pass steht die Idee, Produktinformationen über die Das in Freiburg beheimatete junge Unternehmen gesamte Wertschöpfungskette hinweg zu teilen. recyda beispielsweise nimmt mit seiner Lösung beson- ders die Bewertung der Recyclingfähigkeit unter Dagmar Glatz hätte digitale Produktpässe lieber heute Berücksichtigung verschiedener Standards in den Blick. als morgen für ihr gesamtes Sortiment. Allerdings ist es für sie nur eine Frage der Zeit, bis die Sache richtig in Auch recyda ermöglicht es, alle relevanten Daten Fahrt kommt. Optimistisch stimmen sie schon allein die bezüglich der Beschaffenheit einer Verpackung, ihrer strengeren Regulierungen. „Die Auskunftspflichten Rezyklierbarkeit und ihres Rezyklatanteils auf einer bezüglich der Recyclingfähigkeit und des kreislauffähigen Plattform zusammenzuführen und auszuwerten. Produktdesigns sind schon jetzt umfangreich und wer- Zusätzlich erlaubt es die Software aber, die Kompatibi- den weiter zunehmen. Das führt in jedem Unterneh- lität der eingesetzten Verpackung mit den Gesetzen men entlang der gesamten Wertschöpfungskette zu und Verordnungen der unterschiedlichen Länder einem enormen Aufwand, der sich nur durch standardi- bezüglich der Erweiterten Produzentenverantwortung sierte und automatisierte digitale Lösungen reduzieren (EPR) zu bewerten – bis hin zur Kalkulation länderspe- lässt“, glaubt die dm-Nachhaltigkeitsverantwortliche. zifischer Steuern und Abgaben.
Entscheidend sei es, eine gemeinsame Sprache zu fin- Vorausschauend eingesetzt, kann digitale Technologie
den, ein Protokoll, in dem die Daten standardisiert aus- also dabei helfen, eine Verpackung zu gestalten, die
gewertet werden können und das am Ende dazu führt, zugleich auf ihren ökologischen und wirtschaftlichen
dass die Verwertungsmöglichkeit nach der Gebrauchs- Impact hin optimiert ist.
phase einheitlich und leicht zu bewerten ist.
Ähnlich positioniert sich das niederländische Unter-
Heino Claussen-Markefka nennt das Beispiel einer nehmen circularise. Es erhebt den Anspruch, mit dem
Duschgel-Flasche. Die besteht aus einer Kappe, der digitalen Produktpass gleich auch Reporting und Mas-
Flasche selbst und dem Etikett. An der Produktion und sebilanzierung anzubieten.
dem Handling dieser drei Komponenten sind bis hin
zum Befüllen acht unterschiedliche Akteure beteiligt – Einen integrierten Ansatz verfolgt auch der Software-
alle mit verschiedenen technischen Interessen und Gigant SAP mit seiner Plattform „Responsible Design
Sprachen. and Production“. Hier steht nicht der digitale Produkt-
pass, sondern die Erfüllung der gesetzlichen Verpa-
Bei R-Cycle hat man deshalb von vornherein eine ckungsanforderungen im Vordergrund, insbesondere
offene Lösung angestrebt, dessen Basis bereits existie- das automatisierte Reporting der Erweiterten Produzen-
rende Standards des weltweit führenden Standardisie- tenverantwortung (EPR) und der Plastikverpackungs-
rers GS1 bilden, wie zum Beispiel die Global Trade Item steuern. „Unsere Lösung führt alle relevanten Daten des
Number (GTIN). Ein Konsortium aus Produktionsunter- gesamten Verpackungsportfolios eines Unternehmens
nehmen und Anwendern soll ein möglichst breites Tes- zusammen, verknüpft Verpackungs- mit Logistikdaten
ten der Entwicklungen gewährleisten. und kann dann aus diesem einheitlichen Datenmodell
verschiedene Reportings erzeugen, die für unterschied-
Während man bei R-Cycle also auf einen offenen Stan- liche Länder und deren regulatorischen Bedingungen
dard setzt und damit neben einer digitalen Lösung vor spezifiziert sind“, erklärt Katharina Schweitzer, Consul-
allem ein neues Kooperationsmodell etablieren möchte, tant for Circular Economy Solutions bei SAP.
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Der Walldorfer Konzern will seine Kunden also im ers- für mehr Transparenz entlang der Wertschöpfungs- ten Schritt besonders beim Erfüllen der immer strenge- kette. „Wir sind noch nicht so weit, dass der Markt sol- ren und komplexeren Transparenz- und Reporting- che Lösungen vorantreibt, weil sich mit mehr Nachhal- pflichten unterstützen. Im zweiten Schritt möchte er tigkeit Geld verdienen ließe. Aber die regulatorische die gewonnenen Erkenntnisse über das Verpackungs- Ebene macht Druck – und deshalb verlangen die Unter- portfolio dazu nutzen, Optimierungen im Designpro- nehmen nach Werkzeugen“, beschreibt sie den Trend. zess anzustoßen. Zielgruppe sind vor allem internatio- nal tätige Unternehmen. Dabei setzt SAP auch darauf, Es ist also augenscheinlich keine Frage, ob, sondern dass viele große Unternehmen schon mit SAP arbeiten wann sich der digitale Produktpass durchsetzt und zu und die Daten, beispielsweise aus dem Einkauf, bereits einer Selbstverständlichkeit wird. Dabei zeigt sich die vorhanden sind. gleiche Herausforderung wie bei der Digitalisierung in anderen Handlungsfeldern – ganz gleich ob in der Bil- Ähnlich wie die dm-Nachhaltigkeitsmanagerin Dagmar dung, in der öffentlichen Verwaltung oder im Gesund- Glatz erwartet auch SAP-Spezialistin Katharina heitswesen: Nicht die Technologie stellt die große Schweitzer einen massiven Schub digitaler Lösungen Hürde dar. Es ist eine Frage der Haltung.
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INTERVIEW
Christoph Kugler über Kunststoff
und künstliche Intelligenz
Christoph Kugler ist Gruppenleiter Digitalisierung am Kunststoff-Zentrum SKZ in Würz-
burg. Der Werkstoffwissenschaftler arbeitet unter anderem an der Nutzung von Model-
len auf der Basis maschinellen Lernens zur Anwendung in der Kunststoff-Verarbeitung.
Herr Kugler, wie kann künstliche Intelligenz in der Pro- werden. Aber kein Unternehmen experimentiert gerne
duktion zu mehr Nachhaltigkeit und Kreislauffähigkeit auf seinen Produktionsanlagen – zumindest nicht über
von Kunststoff beitragen? einen längeren Zeitraum. Die Maschinen sollen ja Geld
Da gibt es einige Ansätze. Nehmen wir als erstes Bei- verdienen.
spiel die Verwendung von Rezyklaten in der industriel-
len Massenproduktion: Die Materialqualität schwankt Eine Idee zur Lösung dieses Problems besteht darin,
bei Rezyklaten teilweise stärker als bei Neuware. Das Daten aus vielen Produktionsanlagen unterschiedlicher
führt bisweilen zu Unregelmäßigkeiten im Produktions- Kunststoff-Verarbeiter zum Training einer KI zu nutzen.
prozess, was vielen Unternehmen den Rezyklateinsatz Damit Produzent A keinen Einblick in die Daten des
erschwert. Deshalb arbeitet man daran, den Prozess in Produzenten B erhält, werden dazu spezielle Verfahren
der Maschine digital so zu überwachen, dass der Pro- wie das föderierte Lernen eingesetzt. Hierdurch kann
duktionsablauf eines Bauteils automatisch nachgesteu- ein KI-Modell auf mehreren Anlagen trainiert werden,
ert wird, wenn bestimmte Parameter bezüglich der ohne dass Unternehmen ihre Daten transparent teilen
Qualität nicht erreicht werden. Dabei kann künstliche müssen. Die Hamburger Firma Katulu hat sich auf diese
Intelligenz helfen. Form des maschinellen Lernens spezialisiert. Mit ihr
arbeiten wir derzeit an einigen Modellprojekten.
Würde das im Idealfall helfen, den Rezyklatanteil in
anspruchsvollen Kunststoffprodukten zu erhöhen? Jetzt haben wir über die Produktion gesprochen. Bie-
Darin liegt das Potenzial. Wenn die KI dabei hilft, einen tet KI auch Chancen im Design und in der Entwicklung
Produktionsprozess permanent zu optimieren, lässt nachhaltigerer Kunststoffprodukte?
sich dadurch auch der Einsatz von wiederverwerteten Definitiv. Ich habe erst kürzlich das Unternehmen Digi-
Materialien steigern. mind in Berlin kennengelernt, das KI einsetzt, um beim
Verpackungsdesign das Gewicht zu reduzieren und
Klingt gut. Worin liegt das Problem? damit Material einzusparen. Sie nehmen die CAD-
Künstliche Intelligenz muss lernen. Sie muss über einen Daten des Produkts und lassen diese von der künstli-
langen Zeitraum mit Daten aus der Produktion trainiert chen Intelligenz optimieren.
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„Die Chance liegt im gemeinsamen Lernen“
Aber auch das muss der Maschine doch erst einmal cher Intelligenz besser darstellen zu können. Verein- antrainiert werden … facht gesagt: Ich kann bald viel einfacher als bisher Ganz genau. Das geht umso besser, je mehr Daten von simulieren, ob ein alternatives Material für eine Verpackungsprodukten bereitgestellt werden, um das gewünschte Anwendung genauso gut funktioniert wie Gesamtsystem lernen zu lassen. Und da sind wir wieder die fossile Ware. beim gemeinsamen Lernen. Das ist es, woran es in der Praxis oft scheitert. Es stehen nicht genug Daten zur Wird künstliche Intelligenz auch beim Recycling selbst Verfügung. Wir würden in der Kreislaufwirtschaft sehr eine Rolle spielen? davon profitieren – sowohl beim digitalen Produktpass Ja, das ist absehbar. Es gibt interessante Ansätze, um als auch bei KI-Methoden, wenn dabei stärker zusam- mittels KI die in spektroskopischen Verfahren gewon- mengearbeitet würde. Eine übergeordnete, also unter- nenen Daten besser als bisher auszuwerten. Moderne nehmensübergreifende, digitale Infrastruktur ist etwas, Sortieranlagen können mit ihrer Infrarot-Sensorik das wir immer wieder propagieren. schon ziemlich gut einzelne Kunststoffarten erkennen und voneinander trennen. Die Auswertung der Daten Ist der digitale Fortschritt in der Kreislaufwirtschaft mithilfe von KI wird die Trefferquote in Zukunft aber also eher eine kulturelle als eine technologische noch deutlich erhöhen. Das bietet die Chance auf sau- Herausforderung? berere Stoffströme und damit letztlich auf mehr ver- Absolut. Natürlich ist es auch herausfordernd, einen 40 wertbares Material in höherer Qualität. Jahre alten Maschinenpark so auszurüsten, dass ich dort Daten herausbekomme. Aber das ist alles mach- Wie steht es um die praktische Umsetzung aller bar. Die Bereitschaft, Daten zu teilen und Lösungen genannten Technologien und der damit verbundenen gemeinsam zu entwickeln, ist hingegen die Grundlage. Chancen? Im akademischen Maßstab und auch im praktischen Welche weiteren Potenziale sehen Sie in der Anwen- Versuch ist bei allen genannten Ansätzen erwiesen, dung künstlicher Intelligenz für die Nachhaltigkeit von dass die Technologie funktioniert. Jetzt hängt es an der Kunststoffprodukten? Datenverfügbarkeit und damit letztlich am Mindset der KI wird wahrscheinlich in absehbarer Zeit die Material- Beteiligten. substitution, also den Ersatz fossiler Rohstoffe bei- spielsweise durch biobasiertes Material oder eines Rezyklats, erleichtern. Es gibt Bestrebungen, Ähnlich- keiten in unterschiedlichen Materialien mithilfe künstli-
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Haben Abfallbehandler und Recycler eine digitale Zukunft? Wissen, was ankommt Die Technik ist vorhanden, das Geschäftsmodell nicht
Der Mythos vom Recyclingweltmeister Deutschland ist mit Vorsicht zu genießen. Noch
immer landet mehr als die Hälfte des von den Verbrauchern getrennt gesammelten und
an den Sortieranlagen angelieferten Plastikabfalls in der Verbrennung. Und zugleich giert
die Industrie nach hochwertigen Rezyklaten. Digitale Lösungen sollen aus diesem Dilemma
heraushelfen.
„Hochwertige Rezyklate setzen saubere Stoffströme Materialzusammensetzung bis hin zu Anweisungen für
voraus. Und die erreichen wir nur mit einer verbesser- die Sortierung und die Möglichkeiten für ein
ten Sortierung von Haushaltsabfällen“, sagt Carsten Recycling.
Bertram. Er leitet den Bereich Packaging Sustainability
bei Henkel. Der Konsumgüterkonzern engagiert sich Wenn sich die Technologie in großem Maßstab durch-
neben vielen anderen großen Unternehmen in der Ini- setzt – so die Vision –, soll das digitale Wasserzeichen
tiative HolyGrail 2.0. Hinter dem nicht gerade beschei- an den Sortieranlagen ausgelesen werden und so über
den gewählten Begriff verbirgt sich der Versuch, digi- eine verbesserte Trennung für einen viel reineren
tale Wasserzeichen in Verpackungen einzubringen. Materialinput beim Recycling sorgen.
Diese enthalten zahlreiche Informationen – von der
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Das Konsortium hinter HolyGrail liest sich wie ein Christian Schillers Geschäftsmodell heißt Transparenz. Who‘s who der internationalen Konsumgüterbranche: Der Gründer der rein digitalen Rezyklat-Handelsplatt- Danone, Mondelez, Procter & Gamble, Unilever, Nestlé, form cirplus gilt als Digitalpionier im Bereich der Kunst- Pepsico … Kaum ein großer Name fehlt. Dazu Handels- stoff-Wirtschaft und setzt sich längst nicht nur für den riesen wie Aldi oder Amazon, große Verpackungsunter- Erfolg seines eigenen Start-ups ein. Er hält digitalen nehmen und die chemische Industrie. Getrieben wird Fortschritt auf dem Weg zur Kreislaufwirtschaft für das Ganze von der European Brands Association (AIM) entscheidend. „Um Recyclingströme zu optimieren, und der Alliance to End Plastic Waste. brauchen wir Klarheit darüber, wo sich welcher Kunst- stoff in welcher Zusammensetzung, Qualität und Für Henkel-Manager Bertram ist diese breit angelegte Menge befindet – und das möglichst aktuell. Das kann Partnerschaft wichtig. „Der Erfolg von HolyGrail 2.0 kein menschliches Gehirn leisten. Gerade deshalb sind hängt von einer breiten Akzeptanz in der Industrie ab. die Digitalisierung und der Einsatz von künstlicher Skalierungsmöglichkeiten bestehen darin, mehr Verpa- Intelligenz notwendige Voraussetzungen, um die Kreis- ckungshersteller, Marken und Recycler für die Teil- läufe ernsthaft zu schließen“, sagt der Hamburger nahme an der Initiative zu gewinnen“, unterstreicht er. Start-up-Unternehmer.
Die praktische Umsetzbarkeit und Wirksamkeit digitaler Eine wesentliche Bedingung seien verbindliche Nor- Wasserzeichen bei der Sortierung, Identifizierung und men und Standards. „Um die Abfall- und Rezyklat- dem Recycling von Kunststoffverpackungen habe sich ströme in die digitale Welt zu übersetzen, muss eine in Praxistests bereits erwiesen. Was hingegen noch gemeinsame Sprache gefunden werden, damit eindeu- unklar ist: Wird die Recyclingindustrie ihre Anlagen tige und verständliche Datensätze generiert werden entsprechend umrüsten? Und wer stemmt die dafür können und die Komplexität beherrschbar wird. Nur so notwendigen Investitionen? kann die Wertschöpfungskette weltweit verlässliche Lieferketten aufbauen und eine erfolgreiche Kreislauf- Dr. Markus Helftewes, Chef beim Grünen Punkt, sieht wirtschaft ermöglichen. Deshalb haben wir die DIN in diesen Fragen eine weitaus größere Herausforde- SPEC 91446 initiiert und finanziert, den weltweit ers- rung als in der serienreifen Entwicklung der Technologie. ten Standard für hochwertiges Kunststoffrecycling und Unumwunden räumt er ein, dass die Digitalisierung im Digitalisierung“, berichtet Schiller. Bereich der Abfallwirtschaft und des Recyclings hinter der in anderen Industrien herhinkt. „Aber die Frage ist, Die Optimierung von Stoffströmen beginnt also bei der wer bereit ist, die Mehrkosten solcher Entwicklungen Erfassung und Trennung von Abfall und endet bei der zu tragen“, sagt Helftewes und fordert neben einer bes- Beschaffung von hochwertigem, recyceltem Material. seren staatlichen Förderung vor allem langfristige In diesem gesamten Spektrum verspricht der Einsatz Abnahmegarantien der Industrie. digitaler Innovationen erhebliche Chancen. Zugleich stellt sich hier – wie auch in der Produktentwicklung „Zirkularität gibt es nicht zum Nulltarif“, stellt Helfte- und der Produktion – in wirtschaftlicher Hinsicht das wes fest. Anders ausgedrückt: Selbst, wenn die digitale klassische Henne-Ei-Problem. Sprich: Für die notwen- Technologie im Recycling funktioniert, gibt es dafür dige Skalierung fehlen vielfach noch die marktwirt- noch lange kein funktionierendes Geschäftsmodell – schaftlichen Anreize. zumindest nicht, solange Rezyklate teurer sind als Neuware.
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Drei Fragen an: Jochen Moesslein von Polysecure
„Eher Marketing
als echte Wirkung“
Jochen Moesslein ist Gründer und Mastermind der
Firma Polysecure in Freiburg. Das Unternehmen ent-
wickelt Technologien, mit denen sich Kunststoffe und
andere Materialien unsichtbar markieren lassen. Am
bekanntesten sind die fluoreszierenden Marker. Kom-
biniert mit der passenden und ebenfalls von Polyse-
cure entwickelten Sortiertechnik lassen sich Material- und Abfallströme optimieren. Für
Unternehmen dienen die Marker aber auch dazu, die eigenen Produkte zu kennzeichnen
und somit nachverfolgbar zu gestalten.
In seiner Branche gilt Jochen Moesslein als engagierter Streiter. Das High-Tech-Unter-
nehmen setzt Digitalisierung als ein Teil der Lösung ein. Nach eigenem Bekunden löst
Digitalisierung aber lange nicht alle Herausforderungen der Kreislaufwirtschaft.
Herr Moesslein, welches sind aktuell die größten Heraus- mit dem man die Zusammensetzung direkt und schnell
forderungen in der Digitalisierung des Recyclingsektors? messen kann.
Digitalisierung ist ein überschätztes Wort. Die techni-
schen Herausforderungen im Recycling haben wenig Bösartig könnte man sagen: Der digitale Hype hat in
mit Digitalisierung zu tun. Wichtig für die Kreislaufwirt- unserem Bereich eher einen Einfluss aufs Marketing als
schaft sind Erkennungsprozesse, Sortierung und Auf- auf die tatsächliche Wirkung. Manchmal habe ich sogar
bereitung – und in keinem davon spielt Digitalisierung den Eindruck, dass die unrealistischen Hoffnungen, die
eine Rolle. Es geht darum, dass ich Materialien in zehn mit Digitalisierung verknüpft werden, Investitionen in
Millisekunden sicher differenzieren kann: zum Beispiel anderen wichtigen Technologiebereichen verzögern.
Lebensmittelkontaktmaterialien von Nicht-Lebens
mittelkontaktmaterialien. Seit 2009 entwickeln Sie Marker-Materialien und
Detektions-Technologien. Mit welcher Motivation
Mehr als die Hälfte der Masse sind klein gehackte haben Sie Polysecure gegründet?
Materialbrocken, da kann man das Material mittels Die Initialzündung war es schon, Materialien intelligen-
Objekterkennung und künstlicher Intelligenz gar nicht ter zu machen. Kunststoffe, Keramik, Papier … das ist
erkennen. Man braucht ein physikalisches Verfahren, einfach ein riesiger Strom, den wir ja auch als Verbrau-
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cher in Form der gelben Tonne kennen. Mich hat ein- kann. Ich sehe gute Chancen für unsere TrackByStars®- fach die Frage bewegt, wie man aus dem Chaos wieder Technologie. Sie kann der wichtige „Unique Identifier“ vernünftiges Material machen kann. sein. Das ist das Fachwort für diese Technologie, die jedes Objekt individuell kennzeichnet. Wie wird sich der Markt in Zukunft entwickeln? Viele Unternehmen sehen mittlerweile den Wert von 400 Millionen Tonnen Kunststoff werden jedes Jahr Sekundärrohstoffen. Momentan fließt viel Geld in die verarbeitet. Etwa die Hälfte wird sortiert, die andere Produktpass-Datenbanken. Mindestens genauso wich- landet im Abfall. Wenn wir bereit sind, 100 bis 200 tig wäre, mehr Geld in die eigentliche Erkennungstech- Euro pro Tonne für die Sortierung zu zahlen, sind wir nologie zu stecken. Da ist nämlich der Engpass. Was bei einem Volumen von 20 Milliarden und mehr. Der nützt eine Datenbank, wenn ich einen Eintrag nicht Markt ist also vorhanden. sicher mit der dazugehörenden Datenbank verknüpfen
Demosortieranlage für
technische Kunststoffe
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FÜRKLICKS beim Tools digitale Wie helfen Leben nachhaltigenKLÜGERENKONSUM
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Von Spielen, Anreizen und Verantwortung Apps im Dienst des Recyclings
RecycleMich, ReplacePlastic, My Little Plastic Footprint, EcoNation, ReDo … das Ange-
bot an Apps zur Sensibilisierung von Verbraucherinnen und Verbrauchern ist vielfältig.
Manche verfolgen das Ziel, das Bewusstsein für den eigenen Plastik-Fußabdruck zu stär-
ken und Konsumierende für ein besseres Recycling zu gewinnen. Andere wollen ihnen
eine starke Stimme auf dem Weg zu mehr Herstellerverantwortung geben.
Spiele und Belohnungen verpackungen scannen, Punkte sammeln, indem sie
Mit leicht zugänglichen Informationen und mit Beloh- recycelbare Materialien richtig entsorgen und die
nungs- oder Anreizsystemen wollen Anbieter von Ver- gesammelten Punkte gegen Prämien eintauschen oder
braucher-Apps Konsumentinnen und Konsumenten spenden.
dabei unterstützen, über ihr Kauf- und Entsorgungs-
verhalten einen aktiven Beitrag zu einer verbesserten Mit der App zur richtigen Tonne
Kreislaufwirtschaft zu leisten. Die Initiatoren eint dabei Dass auch die vermeintlichen Mülltrennungs- und
die Überzeugung, dass der erhobene Zeigefinger hier Recycling-Weltmeister im globalen Norden noch reich-
nicht zum Erfolg führt. Jedenfalls setzen einige von lich Lernbedarf haben, ist bekannt. Davon zeugt unter
ihnen auf das Konzept der Gamification, also der Über- anderem der Anteil der Fehlwürfe in der Getrennt-
tragung von spieltypischen Elementen und Vorgängen sammlung von aktuell rund 30 Prozent.2 Um die gelbe
in spielfremde Zusammenhänge mit dem Ziel der Ver- Tonne richtig zu benutzen, muss man nicht zwingend
haltensänderung und Motivationssteigerung.1 wissen, ob es sich bei einer Verpackung um einen bio-
basierten Kunststoff, um PET oder um einen komplexen
So informieren beispiels- Verbundstoff handelt. Aber ein gewisses Grundlagen-
weise die schweizerische wissen ist schon hilfreich, wenn über ein bewussteres
EcoNation-App, die Verbraucherverhalten reinere Stoffströme und damit
ein besseres Recycling erreicht werden sollen.
Bower-App Quelle: econation
Die Ergebnisse einer
Omnibus-Befragung
Bower-App aus Schwe- (2020) kamen zu dem
den, die Reciclos-App Ergebnis, dass bei rund
aus Spanien oder die zwei Dritteln der Deut-
RecycleMich-App aus schen das Detailwissen
Österreich nicht nur zur korrekten Müll- und
über korrekte Müll- M a t e r i a l t r e n n u n g
trennung, sondern fehlt.3 Besonders bei
bieten auch Beloh-
nungen. Nutzer
EcoNation-App können Produkt-
Quelle: bower
1 Wirtschaftslexikon (o. J.)
2 Kunststoff Magazin (2022)
3 Mülltrennung-wirkt (2020) 17
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muss. Die niederländische App My Little Plastic Foot- print unterstützt Konsumenten dabei, ihren Plastic Mass Index, das heißt ihren persönlichen Plastik-Fuß- abdruck, zu ermitteln und schlägt ihnen auf spieleri- Reciclos-App sche Art Maßnahmen vor, um ihre Verbrauchsmenge an Plastik aktiv zu senken.
Die Stimme am Regal
Wer sich am Supermarktregal über unnötige Plastik-
verpackungen ärgert, soll nicht machtlos bleiben. Das
ist das Ziel von ReplacePlastic, einer App, die seit 2018
Verbrauchern hilft, ihren Wunsch nach plastikfreien
Verpackungen direkt bei den Unternehmen vorzutra-
gen. „Der Gründungsgedanke unseres Vereins Küste
gegen Plastik e.V. war, etwas gegen die großen Mengen
Quelle: Reciclos an Plastikmüll zu unternehmen, die bei uns an der Nordseeküste angespült werden“, erinnert sich Jenni- fer Timrott von der ReplacePlastic-Initiative. „Bei unse- ren Aktionen haben wir schnell festgestellt, dass das Sammeln des Plastikmülls nicht ausreicht und wir an die Scrapp-App Produzentenverantwortung heranmüssen.“ Das Resul- tat ist die ReplacePlastic-App.
Ihre Nutzer scannen das in Kunststoff verpackte
Produkt und senden ihr Feed-
back samt Vorschlägen für
alternative, vorrangig Mehr-
weggeeignete Verpackungs-
möglichkeiten an die Betrei-
ber der App. Diese sammeln
Quelle: scrapprecycling über einen Zeitraum von
einem Monat das Nutzer-
Jugendlichen besteht eine geringere Sensibilisierung im Feedback und melden es dann
Vergleich zu früheren Generationen, und es zeichnen als kollektives Anliegen an die
sich größere Wissenslücken ab.4 Da liegt es auf der Unternehmen, die den Artikel
Hand, mit digitalen Informationsangeboten per Smart- in Verkehr bringen. Voraus-
phone gegenzusteuern. setzung für die Weitergabe
des konstruktiven Feedbacks
Mit der App Scrapp, die in den USA und Großbritan- ist, dass mindestens 20 Nutzer
nien verfügbar ist, können sich Nutzerinnen und Nut- dieselbe Produktverpackung
zer darüber informieren, in welche lokal spezifische
Tonne der jeweilige Verpackungsmüll entsorgt werden RecycleMich-App
Quelle: Raan Gruppe
18 4 Ebd.
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ReDo-Plattform Quelle: ReDo
nativen. Auf der Online-Plattform können Nutzer nach-
My Little Plastic Footprint-App haltige Umgestaltungsideen zu existierenden Verpa- ckungen in Form von Steckbriefen einreichen, über die andere User der ReDo-Community interaktiv abstim- men und Vorschläge zur Weiterentwicklung der IdeeQuelle: mylittleplasticfootprint eingeben können. Am Ende des Prozesses können die Plattformbetreiber zukünftig mit den Alternativvor- gescannt haben oder seit dem letzten eingesandten schlägen für Verpackungsdesigns mit Unternehmen Veränderungswunsch ein Zeitraum von einem Monat und Herstellern in Kontakt treten. vergangen ist.
„Wir möchten den Menschen ermöglichen, ihre Stimme einzubringen, denn langfristig soll der Wandel von der individuellen zur Herstellerverantwortung gelingen“, erklärt Jennifer Timrott. Dies geschehe neben der App Quelle: ReplacePlastic auch über Bildungsangebote und Informationskampa- gnen. „Uns ist es wichtig, Schülerinnen und Schüler mit Wissen um die vielfältigen Dimensionen der Plastik- krise zu sensibilisieren und sie für Mehrweg und plas- tikfreie Verpackungsoptionen zu begeistern.“
Ein weiteres Angebot, das einen partizipativen Ansatz verfolgt, ist ReDo und bietet Usern demnächst eine partizipative Plattform auf dem Weg zu Plastik-Alter-
ReplacePlastic-App
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INTERVIEW
Initiator Stefan Siegl über die
österreichische App RecycleMich
Um höhere Sammel- und Recyclingquoten im Kunststoff-Bereich zu erzielen, hat sich die
RecycleMich-Initiative mit Markenherstellern von Kunststoffverpackungen zusammen-
getan und sich erfolgreich in Österreich etabliert.
Was ist die Mission von RecycleMich, und auf Grundlage Monatliche Beiträge der Markenhersteller sowie Bei-
welcher Problemanalyse sind die Initiative und die App träge von Reclay Systems, einem führenden Rücknah-
ins Leben gerufen worden? mesystem für Verpackungen, finanzieren aktuell die
Unsere Mission ist es, Wertstoffe im Materialkreislauf zu Anreize und Preise, den Betrieb der App und das Mar-
halten. Wir tragen mit der RecycleMich-App dazu bei, keting. Im Gegenzug besteht die Möglichkeit, dass die
indem wir ein Anreizsystem für Verbraucherinnen und Ver- Kooperationspartner die Tätigkeiten im Rahmen der
braucher auf den Markt gebracht haben, das Digitalisierung Initiative in ihren Nachhaltigkeitsbericht oder jegliche
mit Bewusstseinsbildung und Aufklärungsarbeit verbindet. Nachhaltigkeitsagenden aufnehmen und von unter-
Der Ursprungsgedanke liegt darin, dass die gewünschten schiedlichen Leistungspaketen profitieren. Für die
Sammel- und Recyclingquoten in Österreich nicht erreicht Zusammenarbeit mit den Herstellern begrüßen wir,
werden. Zum Beispiel beträgt im Kunststoff-Bereich die wenn diese eine Nachhaltigkeitsstrategie haben. Im
Sammelquote nur 70 Prozent, speziell in urbanen Gebie- Laufe der Zeit haben wir die Möglichkeiten einer
ten, wie in Wien, nur 30 Prozent. Konsumenten dazu zu Kooperation erweitert, zusätzlich zum Partner kann
bewegen, ihren anfallenden Müll korrekt zu sammeln und man auch Unterstützer werden und zum Beispiel als
zu sortieren, war uns hierzu ein wichtiges Anliegen. Gewinnspiel-Partner Prämien sponsern. RecycleMich
hat deshalb sowohl einige Supporter, die Produkte
Welche Akteure waren bei der Entwicklung der App sponsern, als auch einige, die Mitgliedsgebühren zah-
involviert, und wie finanziert sich die App? len. Damit schaffen wir ein niedrigschwelliges Angebot
Schon bevor RecycleMich Anfang 2021 in Österreich einer Zusammenarbeit, die unsere Mission unterstützt.
auf den Markt kam, haben wir eng mit führenden Mar-
kenherstellern aus dem Getränkebereich zusammenge- Wie werden potenzielle Nutzer und Nutzerinnen auf
arbeitet. Auch Konsumentenumfragen wurden im agilen die App aufmerksam, und welche Zielgruppe spricht
Entwicklungsprozess mit einbezogen. Der Pilotversuch die App mehrheitlich an?
der ersten digitalen Recycling-Initiative fand schließlich Zunächst haben wir die Marketingmaßnahmen breit
in Wien statt, weil dort die größte Herausforderung in aufgestellt, in ganz Wien über klassische Medien wie
der korrekten Müllsortierung besteht. Im Verlauf hat sich Zeitung und Radio. Doch erst die spezifische Werbung
die Initiative zu einer offenen Plattform für alle Akteure auf Online-Kanälen, im App Store und auf Social-
der Kreislaufwirtschaft entwickelt, die User, Markenher- Media-Kanälen hat zum Erfolg geführt. Die anfängliche
steller, Recycler, Städte und Gemeinden miteinschließt. Zielgruppe lag bei den 18- bis 24-Jährigen, hat sich
Im Fokus stehen alle Produkte, deren Verpackungen im allerdings schnell zur jetzigen Hauptzielgruppe der 24-
gelben Sack entsorgt werden. bis 34-Jährigen entwickelt. 35- bis 44-Jährige stellen
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Mit den Konzernen Hand in Hand
die zweitgrößte Zielgruppe dar, darunter vor allem den Kommunen zusammen. junge Familien. Das Schlusslicht bilden die unter 25-Jäh- rigen und über 44-Jährigen. Wie viel Kunststoff wird pro Jahr durch die App dem Wertstoffkreislauf zugeführt? Wir unterscheiden in zwei Gruppen: erstens die Idealis- In Bezug auf die Gesamt-Reichweite der App haben wir ten, die aus Überzeugung für den Umwelt- und Res- schnell Erfolge erzielt: Das ursprüngliche Ziel, bis Ende sourcenschutz ihre Recycling-Leistung visualisieren des Jahres 2021 100.000 Scans zu erreichen, war möchten, und zweitens die Gewinn-Orientierten, die schon nach zwei Monaten geglückt. Beim zweijährigen sich von den preislichen Anreizen der App leiten lassen. Jubiläum haben wir über eine Million gescannte oder Um ein möglichst breites Zielgruppenspektrum zu korrekt entsorgte Verpackungen über die App gefeiert. erreichen, bieten wir zudem öffentliche Bildungsange- Die Gewichtung nach Punktezahl in Form von Bonus- bote im Bereich des Recyclings an. Insbesondere Gami- punkten beim Recycling kann Akzente für das Recycling fication ist dabei ein Schlüsselelement, zum Beispiel in bestimmter Produktgruppen setzen. Beispielsweise Form von Sondergewinnspielen. werden mehr Bonuspunkte für das Scannen von Part- ner-Verpackungen vergeben und weniger für Nicht- Welche Daten werden von den Nutzern und Nutzerin- Partner-Verpackungen. In Umfragen zeigt sich, dass die nen der App erhoben, und inwieweit werden diese Nutzer der App vorwiegend beim Kauf zu Produkten weiterverarbeitet? greifen, für die es mehr Punkte gibt. Beim Betrieb der App sammeln wir basierend auf der Datenschutzerklärung nur das Minimum an Daten der Mit Blick auf das bevorstehende Pfandsystem in User, das dem Zweck dient, die Wertstoffe korrekt zu Österreich ab 2025, wie flexibel wird die App perspek- recyceln und Punkte zu sammeln: E-Mail-Adresse und tivisch auf Veränderungen reagieren können? Passwort. Daten wie Adresse und Alter sind anschlie- Von allen Verpackungen, die in Verkehr gebracht wer- ßend notwendig für die Auslosung. Darüber hinaus den, sind nur 25 Prozent vom Pfandsystem abgedeckt. lässt sich auf der Grundlage der gescannten Pro- Unsere App wird also keinesfalls überflüssig. Unsere duktcodes erkennen, welche Produkt-Marken aus wel- App könnte außerdem unterstützend zur Erhöhung der cher Kategorie, wie oft, wo und wann gekauft, gescannt Pfandquoten wirken. Auch können wir das Feedback und entsorgt werden. Aus den gesammelten Daten der Nutzer über unsere unterschiedlichen Kommunika- können wir Tendenzen erkennen, zum Beispiel, dass tionskanäle aufnehmen, und die Nutzer können neue viel am Wochenende gesammelt wird. Produkte melden, die noch nicht in der Datenbank vor- handen sind. Dazu kommt, dass wir aufgrund der einfa- Besonders der Entsorgungsort ist ein wichtiger Faktor, chen Programmierbarkeit schnell Anpassungen der da dieser Einfluss auf Informationen über sinnvoll auf- App-Merkmale vornehmen können. Perspektivisch gestellte Recycling-Tonnen in der App anzeigen kann, werden wir in der App zudem noch ein Augenmerk auf die sich in ihrer Farbe von Bundesland zu Bundesland in eine erweiterte Bereitstellung von Information legen, Österreich unterscheiden. Wir arbeiten sehr eng mit evtl. speziell zur Recyclingfähigkeit von Produkten. 21
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Überblick Apps
RecycleMich
Ziel: Funktion: Land: Österreich
Sicherstellung reiner ─Bereitstellung─ von Informationen zur Mülltrennung beim Jahr: 2021
Stoffströme durch sachgemäße Scannen von Produkt-Barcodes Anzahl User: >1 Mio
Verpackungsentsorgung ─Sammeln─ von Punkten bei korrekter Verpackungsentsorgung Zielgruppe: Einzelpersonen
─Qualifizierung─ für Gewinnspiele
Art und Menge des Materials: Kooperationspartner/Förderer:
Plastik, Plastikverbundstoffe, Coca-Cola, Fanta, granini, Monster Energy, Fa, innocent, Persil,
Metalle Somat, Sprite, Weißer Riese, Red Bull, Pril, Pago, Hohes C,
Fuzetea, Powerade
EcoNation
Ziel: Funktion: Land: Schweiz
Sicherstellung reiner ─Bereitstellung─ von Informationen zur Mülltrennung Jahr: 2021
Stoffströme durch sachgemäße ─Sammeln─ von Punkten bei korrekter Verpackungsentsorgung Anzahl User: >10.000
Verpackungsentsorgung ─Qualifizierung─ für Rabatte und Gewinne Zielgruppe: Einzelpersonen
Art und Menge des Materials: Kooperationspartner/Förderer:
Plastik, Plastikverbundstoffe, Inui, Editoria33
Metalle
Bower
Ziel: Funktion: Land: Schweden
Sicherstellung reiner ─Bereitstellung─ von Informationen zur sachgemäßen Jahr: 2018
Stoffströme durch sachgemäße Mülltrennung beim Scannen von Produkt-Barcodes Anzahl User: 550.000
Verpackungsentsorgung ─Sammeln─ von Punkten bei korrekter Verpackungsentsorgung Zielgruppe: Einzelpersonen
─Qualifizierung─ für Gewinnspiele, Rabatte oder Spenden der
Punkte
Art und Menge des Materials: Kooperationspartner/Förderer:
55 Mio recycelte Ellen MacArthur Foundation, Coop, Nivea, Nespresso, Wello,
Verpackungen Zespri, logitech
Reciclos
Ziel: Funktion: Land: Spanien
Sicherstellung reiner ─Bereitstellung─ von Informationen zur sachgemäßen Jahr: 2022
Stoffströme durch sachgemäße Mülltrennung Anzahl User: 100.000
Verpackungsentsorgung ─Sammeln─ von Punkten bei korrekter Verpackungsentsorgung Zielgruppe: Einzelpersonen
─Qualifizierung─ für Gewinne oder Spenden der Punkte an
soziale Projekte
Art und Menge des Materials: Kooperationspartner/Förderer:
Getränkeverpackung aus Ecoembes, TheCircularlab
Plastik und Aluminium
Recycle
Ziel: Funktion: Land: Schottland
Erprobung des schottischen ─Bereitstellung─ von Informationen zur sachgemäßen Jahr: 2022
Pfandrücknahmesystems für Mülltrennung Anzahl User: k.A.
Einweggetränkeverpackungen ─Sammeln─ von Punkten bei korrekter Verpackungsentsorgung Zielgruppe: Einzelpersonen
─Qualifizierung─ für das Gewinnspiel (18-34 Jahre)
Art und Menge des Materials: Kooperationspartner/Förderer:
Getränkeverpackungen Scottish Grocer’s Federation, Mastercard
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ReplacePlastic
Ziel: Funktion: Land: Deutschland Übermittlung des Verbraucher- ─Bereitstellung─ von Informationen zur sachgemäßen Jahr: 2018 Wunsches nach plastikfreiem Mülltrennung Anzahl User: 50.000 und Mehrweg geeignetem ─beim─ Scannen von Produkt-Barcodes Zielgruppe: Einzelpersonen Produktverpackungsdesign & ─Übermittlung─ des Wunsches nach plastikfreien und Erhöhung der Mehrweg-Verpackungsalternativen Herstellerverantwortung ─Gesammelte─ Übermittlung des Wunsches an Hersteller
Art und Menge des Materials: Kooperationspartner/Förderer: 2 Mio gescannte Deutsche Postcode Lotterie Verpackungen
Scrapp
Ziel: Funktion: Land: UK, USA Sicherstellung reiner ─Bereitstellung─ von Informationen zur sachgemäßen Jahr: 2021 Stoffströme durch sachgemäße Entsorgung von Verpackungen beim Scannen von Anzahl User: 400 Mio Verpackungsentsorgung Produktcodes Zielgruppe: Einzelpersonen
Art und Menge des Materials: Kooperationspartner/Förderer: 34 Mio gescannte Microsoft, Packaging Europe, British Airways, University of Verpackungen New Hampshire, The Economist
FAZIT Wirkung unbekannt, Potenzial unbestritten
Es sind im Wesentlichen zwei verschiedene Ansätze, die an Verbraucher gerichtete digitale Angebote verfolgen: Die einen informieren und sensibilisieren. Die anderen wollen Partizipation ermöglichen und die Macht der Nach- frage nutzen und stärken. Der Unterschied ist grundlegend. Wer Konsumenten zum richtigen Umgang mit Verpa- ckungen animiert, zahlt auf das Recycling ein. Wer gemeinsam mit Verbraucherinnen und Verbrauchern auf die Angebotsseite einwirkt, ist auf der obersten Stufe der Abfallhierarchie unterwegs: der Vermeidung.
In beiden Dimensionen ist derzeit keine lösungsübergreifende Evaluation bekannt, die über die tatsächliche Wir- kung Aufschluss gibt. Was bedeuten eine Million gescannte Plastikverpackungen für die tatsächlich recycelten Wertstoffe, und kann damit ein langfristiges Umdenken bei den Verbrauchern und Verbraucherinnen gemessen werden?
Kritisch zu hinterfragen sind außerdem Sachpreise, die zum unerwünschten Nebeneffekt des Mehrkonsums führen können. Unstrittig erscheint, dass mündige Verbraucherinnen und Verbraucher den wesentlichen Teil einer künfti- gen zirkulären Gesellschaft ausmachen. Und Mündigkeit ist ohne digitale Infrastruktur in keinem Lebensbereich mehr vorstellbar.
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Wende im To-go-Bereich: Digital oder gar nicht? Der Mehrwert für Mehrweg
An der SB-Salatbar im Supermarkt, im Coffeeshop am Bahnhof, im Schnellrestaurant, an
der Imbissbude oder beim Pizza-Service: Einwegverpackungen für Speisen und Getränke
zum Mitnehmen sind Normalität. Fast 800 Tonnen Müll aus Einwegverpackungen pro-
duziert der Take-away-Sektor in Deutschland. Täglich. Und daran hat die zum Jahresbe-
ginn 2023 gesetzlich verordnete Mehrweg-Angebotspflicht nichts geändert. Junge
Anbieter von Mehrwegsystemen wollen die Wende von der Einweg- zur Mehrweg-Kul-
tur schaffen. Sie setzen dabei auf digitale Lösungen.
Sie heißen Recup, Relevo oder Vytal, um nur die derzeit hoch, sei es den Leuten zu teuer, meint Barthel.
bekanntesten zu nennen. Alle eint die Grundidee: Gas-
tronomen sollen nicht gezwungen sein, jeweils eigenes Dass Vytal nach eigenen Angaben eine Rücklaufquote
Geschirr für den Außer-Haus-Gebrauch anzuschaffen von mehr als 99 Prozent verzeichnet, führt Barthel auf
und eine eigene Rücknahme- und Spüllogistik aufzu- die komplett digitale Ausrichtung zurück. Jeder Behäl-
bauen. Die Mehrweg-Systemanbieter beliefern die ter sei mit einem QR-Code individuell gekennzeichnet.
Gastronomie mit Behältern für Speisen und Getränke Nutzer registrieren sich einmalig in der unternehmens-
und sorgen für die Reinigung und für Nachschub. eigenen App. So weiß Vytal immer, wo sich welcher
Behälter gerade befindet. Und Verbraucher können in
Entscheidend ist ein möglichst großes Netz an Partner- der App sehen, wie viel Einwegplastik sie schon durch
betrieben. Nur damit ist gewährleistet, dass Verbrau- die Mehrweg-Nutzung eingespart haben.
cher die Behälter nicht bloß an der jeweiligen Ausgabe-
stelle zurückgeben können, sondern bei jedem Betrieb, Aus Sicht der Stiftung ReFrastructure7 genügen eine
der an das jeweilige Mehrwegsystem angeschlossen ist. Handvoll erfolgreicher Mehrweg-Systeme nicht, um
Recup5 verfügt nach eigenen Angaben über mehr als Mehrweg im To-go-Bereich zur neuen Normalität zu
21.000 Ausgabestellen. machen. Sie möchte eine anbieterübergreifende Daten-
infrastruktur etablieren, die es ermöglicht, dass Nutzer
Rein analog sind solche komplexen Systeme kaum zu die verwendeten Behältnisse „überall“ zurückgeben
betreiben. Die Mehrweg-Wende verläuft digital. Alle können – also an Rückgabeautomaten und Rückgabe-
Anbieter setzen digitale Technologien ein – wenn auch stellen im öffentlichen und privaten Raum. „Return any-
in unterschiedlichem Maß. where“ lautet das Zauberwort.
Besonders stark positioniert sich Vytal6 mit Hauptsitz in „Wir betrachten eine künftige Mehrweg-Infrastruktur als
Köln als digitales System. „Der wichtigste Grund, wes- ein gesellschaftliches Gemeingut“, erläutert ReFrastruc-
halb wir konsequent auf eine digitale Lösung setzen, ture-Geschäftsführer Markus Urff. Den Wettbewerb der
besteht darin, dass wir auf diese Weise auf ein her- Anbieter möchte Urff dabei keineswegs ausschalten,
kömmliches Pfandsystem verzichten können“, erklärt sondern durch die gemeinsame digitale Infrastruktur auf
Mitgründer und Geschäftsführer Dr. Fabian Barthel. Ein ein höheres Level bringen. „BMW, Mercedes und VW
analoges Pfand für die Mehrwegbehälter sei für Kunden haben keine eigenen Straßeninfrastruktur gebaut, son-
eine psychologische Hürde. Liege es niedrig, gebe es kei- dern fahren alle gemeinsam auf öffentlichen Straßen.
nen Anreiz, die Behälter schnell zurückzugeben. Liege es Gerade weil diese öffentliche Infrastruktur vorhanden ist,
5 https://recup.de/ 7 https://refrastructure.org/
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Kick-off der Mehrwegallianz8 im Dezember 2022: Initiiert von ProjectTogether, Mehrwegverband und WWF, will ein breites Bündnis aus Unternehmen, Kom- munen und Initiativen Mehrweg zum Standard machen. Digitale Innovationen spielen dabei eine wichtige Rolle.
werden mehr Autos nachgefragt. Gleichzeitig ermöglicht Pilotprojekte in Berlin und München bereits gestartet. die Infrastruktur eine Intensivierung des Wettbewerbs zwischen den Anbietern. Bei der digitalen Mehrweginfra- Einmal mehr geht es hier also um mehr als eine techno- struktur handelt es sich letzten Endes um eine digitale logische Frage. Ist die Digitalisierung eine Chance für Datenautobahn“, zieht er einen Vergleich. Ihm und seinen eine neue Form der Gemeinwohlökonomie oder eine Mitstreitern geht es um nicht weniger als die Frage, wel- Möglichkeit, sich im Wettbewerb zu differenzieren? che Form der Plattform-Ökonomie in Zukunft trägt. Wür- den alle Anbieter auf einen gemeinsamen digitalen Stan- Ein Problem haben beide Glaubensrichtungen gemein- dard zurückgreifen, ließe sich die Logistik – vom Transport sam: das Geld. Weder für eine gemeinnützige digitale bis zum Spülen – wesentlich effizienter und kostenspa- Infrastruktur noch für ein Netz von Rücknahmestatio- render organisieren, glaubt man bei ReFrastructure. nen im öffentlichen Raum und die dahinter liegende Logistik existiert ein tragfähiges Geschäftsmodell. Nie- Mit dieser Haltung ist die gemeinnützige Organisation mand verdient mit der Rücknahme. Sie verursacht nur nicht allein. In mehreren lokalen Pilotprojekten, unter Kosten. Wer soll den zusätzlichen Aufwand bezahlen, anderem in München-Haar, sind Tests angelaufen. Mit solange Einweggeschirr billig zu haben ist? dabei: die Systemanbieter Recup, Relevo und ReCIRCLE. Die Politik muss also einen Schritt weiter gehen, wenn „Ich halte ein solches gemeinsames System für nicht sie ihre Mehrweg-Angebotspflicht9 mit Leben füllen notwendig“, meint hingegen Vytal-Chef Fabian Barthel. will. Darin sind sich die unterschiedlichen Akteure in Er hält es zudem für unrealistisch, dass es Gastrono- dem jungen Markt weitgehend einig. Eine Lösung wäre men zuzumuten ist, Behälter unterschiedlicher Systeme eine deutlich spürbare Einweg-Steuer10, aus deren zurückzunehmen – ganz unabhängig von der Möglich- Ertrag die Rücknahme- und Spüllogistik für Mehrweg- keit einer digitalen Abwicklung. Barthel schwebt statt- Lösungen subventioniert werden könnte. dessen ein weitgehend flächendeckendes Netz von Rückgabeautomaten im öffentlichen Raum vor, die So scheint auch die digitale Mehrweg-Wende eine Behälter unterschiedlicher Anbieter entgegennehmen Gemeinschaftsaufgabe zu sein zwischen den digitalen und die jeweiligen Container-IDs erkennen können. Pionieren der jungen Wirtschaft, den etablierten Grö- Dazu brauche es durchaus Schnittstellen zwischen den ßen im To-go-Markt und einer Politik, die nicht bloß Systemen, aber eben keine gemeinsame Daten-Platt- Gesetze erlässt, sondern auch die Bedingungen für form. „Wir müssen die Ausgabe und die Rücknahme deren Umsetzung schafft. Genau das macht die Sache entkoppeln“, ist Barthel überzeugt. Auch dazu sind kompliziert.
8 https://mehrweg-einfach-machen.de/ 10 https://www.presseportal.de/pm/22521/5540782 9 https://www.umweltbundesamt.de/themen/neue-mehrwe- 25 gangebotspflicht-fuer-speisen-getraenke
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WASTE.BIG globale die Digital-Pioniere wollen Wie DATA. erneuernBIG Abfallwirtschaft
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Digitale Abfalldatenerfassung und -analyse Transparenz zahlt sich aus
Effizientes Abfallmanagement ist für Unternehmen eine wesentliche Säule zirkulären Wirtschaftens. Richtig gesteuert, lassen sich dadurch nicht nur Kosten einsparen, son- dern auch der CO₂-Ausstoß verringern. Das Potenzial hinter einer zentrierten, systema- tischen Abfalldatenerfassung und -analyse erkennen immer mehr und Unternehmen. Das war lange Zeit nicht so, weiß Meike Lessau, Circularity Managerin bei Resourcify: „Abfall wird häufig vernachlässigt, wenn er nichts mit dem Kernprodukt zu tun hat. Unternehmen wollen ihn einfach schnell loswerden, um sich auf das Wesentliche ihrer Geschäftstätigkeit konzentrieren zu können.“
Das Hamburger Start-up, das inzwischen schon in sie- werden können, wenn Abfallbehälter beispielsweise ben europäischen Ländern aktiv ist, unterstützt Super- noch nicht voll genug sind. „Am Ende laden die Entsor- und Baumärkte, Flughäfen, Kliniken sowie Produktions- ger in der Plattform die Daten zu den abgeholten Men- stätten unterschiedlichster Branchen dabei, ihre Abfälle gen hoch und hinterlegen den entsprechenden Nach- digital zu managen und die Kommunikation mit Entsor- weis unter anderem in Form von PDF-Dokumenten gern zu erleichtern. Die Daten werden dabei zentral über ihre eigenen Schnittstellen“, erklärt Lessau. über eine Plattform erfasst, um transparent einsehbar zu machen, wo Abfälle anfallen, wie sie besser verwer- Auf diese Weise kann beispielsweise ein Filialunterneh- tet und vielleicht sogar reduziert werden können. Hier- men innerhalb kürzester Zeit einsehen, wie hoch die für hinterlegen die Kunden in einem ersten Schritt ihre Füllstände der Behälter an den unterschiedlichen Stammdaten zu Angaben wie beispielsweise den Con- Standorten zum Zeitpunkt der Abholung waren und tainer-Standorten, Verantwortlichkeiten für die Abho- Rückschlüsse dazu ziehen, ob die Wechselintervalle lung und die Intervalle der Leerung. oder Containergrößen einer bestimmten Filiale ange- passt werden müssen, sodass sich dann entweder Resourcify verfügt über ein Partnernetzwerk an über höhere Materialerlöse erzielen oder aber Transportkos- 450 Entsorgern, die von den Unternehmen über die ten und damit auch Emissionen senken ließen. Plattform mit wenigen Klicks beauftragt oder abbestellt
Screenshots Resourcify
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Screenshots Cyrkl
Auch das tschechische Start-up Cyrkl hat es sich zur Angesichts neuer strengerer Berichtspflichten, so im
Aufgabe gemacht, das Abfallmanagement von Unter- Rahmen der seit Januar 2023 in der Europäischen
nehmen zu optimieren, geht dabei aber noch einen Union geltenden Corporate Sustainability Reporting
Schritt weiter. Cyrkl hat einen digitalen Marktplatz Directive, gewinnen abfallrelevante Daten zu Stoffströ-
geschaffen, auf dem Abfallprodukte oder Restmengen men, Verwertungswegen und Recyclingquoten für die
zum Verkauf angeboten und Preis sowie Transport mit Nachhaltigkeitsbewertung von Unternehmen immer
Recyclern ausgehandelt werden können. Auf dem mehr an Bedeutung.12
Cyrkl-Marktplatz werden Angebot und Nachfrage mit-
hilfe von innovativen Technologien, Datenanalyse und In Anbetracht des globalen Ausmaßes der Kunststoff-
maschinellem Lernen verbunden und Unternehmen in müll-Krise sind solche Daten, die in Zukunft im Zuge
Sachen Kreislaufwirtschaft und Gesetzgebung beraten, solcher regulatorischen Rahmen erhoben und veröf-
um Abfälle und Entsorgungskosten nicht nur zu redu- fentlicht werden müssen, besonders relevant im Hin-
zieren, sondern sie auch sinnvoll wiederzuverwerten.11 blick auf die Eindämmung der Flut von Plastikabfall.
Genauso wie sogenannte Corporate Plastic Waste
Teil des Angebots von Resourcify ist auch die Möglich- Disclosure-Ansätze, zu denen sich Unternehmen teils
keit, über das Tool das gesamte Abfallreporting zu schon selbst verpflichten, schaffen sie nicht nur Trans-
erstellen, um dieses an die zuständigen Behörden weiter- parenz im Hinblick auf Investorenrisiken und Vergleich-
zuleiten. „Bisher wurde das in den meisten Unterneh- barkeiten für Verbraucher, sondern liefern auch der
men manuell gehandhabt und in zahlreichen Ordnern Politik die erforderlichen Informationen, um effektive
nach abgehefteten Wiegescheinen gesucht, um einmal Maßnahmen abzuleiten und Anreize zur Förderung
jährlich in aufwendiger Kleinarbeit eine Übersicht zu eines nachhaltigeren Umgangs mit Kunststoffen zu
allen Abfallfraktionen zu erstellen. Das passiert in schaffen.13
Zukunft nun alles per Knopfdruck mit akkuraten Daten.
Aus diesen Daten lassen sich wiederum jederzeit Opti-
mierungsmaßnahmen ablesen“, erklärt Lessau stolz.
11 EU-Recycling Magazin (2021) 13 PREVENT Waste Alliance (2023) (3), S. 3, 11
12 Europäisches Parlament und Rat der Europäischen Union
28 (2022), Art. 29b Abs. (2) (a) iv)
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Gastbeitrag von Dominic Santschi, Mitgründer von Ampliphi
Verantwortlichkeit
BRaucht Klare Bilanzen
Die Verantwortlichkeiten für die globale Plastikmüll-Krise sind umstritten und werden
auf unterschiedliche Arten und Weisen zugeteilt. Ein Hauptgrund für diese fragmen-
tierte Zuteilung ist die mangelnde Transparenz der Materialflüsse.
Die Verantwortlichkeiten für die globale Plastikmüll- Das Konzept der Plastikmüll-Bilanzierung unterscheidet
Krise sind umstritten und werden auf unterschiedliche sich dahingehend vom digitalen Produktpass, dass die
Arten und Weisen zugeteilt. Ein Hauptgrund für diese Datentransparenz nicht nur zu einem Produkt vorliegt,
fragmentierte Zuteilung ist die mangelnde Transparenz sondern für die gesamte Unternehmung geschaffen wird.
der Materialflüsse. Durch diese ganzheitliche Analyse können Unternehmen
die Umwelteinflüsse ihrer verschiedenen Produkte mitei-
Stand heute sind sich nämlich nur die wenigsten Unter- nander vergleichen und ihre konsolidierten Kennzahlen
nehmen bewusst,14 welche Kunststoffe in ihren Pro- im Vergleich mit ähnlichen Firmen einordnen.
dukten eingesetzt werden, wo ihre Abfälle anfallen und
wie diese schlussendlich verwertet werden. Das daraus Wie die Digitalisierung die Plastikmüll-Bilanzierung
resultierende Unwissen ist problematisch, da daraus unterstützt
kein Anreiz zur Verantwortlichkeit geschaffen wird.15 Wie im Fall der Lebensmittelindustrie, wo die Digitali-
sierung bereits zu vielversprechenden Entwicklungen
Die Plastikmüll-Bilanzierung bietet hier ein vielverspre- durch mehr Transparenz beigetragen hat,17 bietet sie
chendes Konzept, um mehr Transparenz und somit auch im Fall der Plastikmüll-Krise Potenzial.18 Denn
auch das Verantwortungsbewusstsein im Umgang mit durch den Einsatz von Technologien können beispiels-
Kunststoffabfällen zu fördern.16 weise Kunststoffverpackungen lückenlos erfasst und
über ihre gesamte Lebensdauer verfolgt werden. Lie-
Das Konzept der Plastikmüll-Bilanzierung ferketten werden somit transparent abbildbar.
Bei der Plastikmüll-Bilanzierung wird die Menge und die
Art von Plastikmüll erfasst, welche auf die direkten Akti- Unternehmen, die sich dann bewusst für eine Veröf-
vitäten einer Unternehmung zurückzuführen ist. Anfal- fentlichung ihrer Bilanzierung entscheiden, schaffen
lende Abfallgebühren, die Kreislaufwirtschaftsfähigkeit nicht nur Transparenz gegenüber der kritischen Öffent-
und zusätzlich auch Kennzahlen wie Recyclingquoten lichkeit, sondern lösen auch internen Handlungsdruck
oder die Verwendung von recyceltem Kunststoff fließen aus. Denn ein bestärktes Verantwortungsbewusstsein
in die Bilanzierung ein. Das führt Unternehmen transpa- allein reicht nicht aus, wenn in der Konsequenz keine
rent vor Augen, wo sie in puncto Kunststoffabfälle ste- Taten folgen. Positive Beispiele19 belegen, dass durch
hen und schafft damit Bewusstsein für den eigenen Bei- die Offenlegung der Plastikmüll-Bilanz Unternehmen
trag zur weltweiten Plastikmüll-Problematik. und Organisationen zu ambitionierten Maßnahmen zur
14 Vgl. POLYPROBLEM (2019) 17 Duda et al. (2023)
15 Vgl. POLYPROBLEM (2020) 18 Vgl. ReiProk (o. J.)
16 ETH Zürich – sus lab (2020) 19 Ampliphi (2022)
30
PDF-Seite 31
Reduzierung ihres Plastikmülls greifen, indem beispiels- es bedarf einer einheitlichen Methodik und Standards,20 weise Ressourceneinsparungen vorangetrieben und die um Vergleichbarkeit zwischen Unternehmen und Verwendung von recyceltem Kunststoff gefördert wird. Glaubwürdigkeit zu gewährleisten. Zudem müssen Dieses Engagement hat nicht nur langfristig positive Unternehmen gewillt sein, ihre Daten tatsächlich offen- Auswirkungen auf die Umwelt und die Reputation der zulegen21 und die Ergebnisse ihrer Bilanzierung zu kom- Unternehmen, sondern auch das Potenzial, den Über- munizieren. Dies erfordert ein zwingendes Umdenken gang zu einer nachhaltigen und verantwortungsbe- und einen Kulturwandel in der Unternehmenspraxis. wussten Wirtschaft zu unterstützen. Und natürlich setzt es die Bereitschaft voraus, sich dem öffentlichen Druck zu stellen, der mit einer Veröffentli- Plastikmüll-Bilanzierung, quo vadis? chung und der gesellschaftlichen Erwartungshaltung Die Einführung der Plastikmüll-Bilanzierung ist jedoch gegenüber Unternehmen einhergeht, Verantwortung noch mit einigen Herausforderungen verbunden. Denn zu übernehmen.
Digitale Systeme können den Prozess der Kunst-
stoff-Bilanzierung unterstützen. Dies erfolgt von
der Datensammlung über die Analyse bis zur
Nutzung für diverse Anwendungszwecke.
20 PREVENT Waste Alliance (2023) (3) 21 Ellen MacArthur Foundation (2022) (1)
31
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Technologie für die Optimierung der städtischen Abfallwirtschaft Intelligent macht sauber
Noch viel zu oft landen Plastikabfälle dort, wo sie nicht hingehören und für immer verlo-
ren gehen. Allein in Berlin beträgt die Fehlwurfquote im Restmüll 66 Prozent.22 Dabei
zahlt sich sortenreines Trennen in zweierlei Hinsicht aus, denn vielerorts wird Restmüll
nach Gewicht berechnet. Ob künstliche Intelligenz, Robotik, das Internet der Dinge (IoT)
oder Blockchain – all diese technologischen Ansätze spielen deshalb eine Rolle, wenn es
darum geht, die städtische Abfallwirtschaft zu digitalisieren und Abfallrouten durch eine
bessere Steuerung effizienter zu gestalten, dadurch Zeit, Kosten und CO₂ zu sparen und
anhand der Einbeziehung von Bürgerinnen und Bürgern mehr Transparenz zu schaffen.
Viele Städte haben sich bereits auf den Weg zur Smart sensoren veröffentlicht, wofür in 13 unterschiedlichen
Waste Management City gemacht23 – ob New York, Abfallbehältern parallel bis zu fünf Sensortypen einge-
Amsterdam, Stockholm,24 Songdo in Südkorea, oder setzt wurden, um die Chancen und Grenzen des Ein-
eben Villach. Die 65.000-Einwohnerstadt in Kärnten satzes von Sensoren zu evaluieren. Die Tests im Rah-
startete Anfang 2020 im Rahmen eines Public Private men der Studie ergaben teils hohe Abweichungen
Partnership-Modells gemeinsam mit der Sauberma- zwischen den Sensor-Messwerten und dem realen
cher Dienstleistung AG ein Pilotprojekt, um mithilfe Füllstand der Behältnisse, was auf Ausreißer zurückzu-
künstlicher Intelligenz die städtische Abfallentsorgung führen sei, wie beispielsweise Fälle, in denen Abfälle
zu optimieren.25 So wurden in 1.100 Altglascontainern direkt unter dem Sensor platziert wurden.
Sensoren installiert, die regelmäßig die Füllstände mes-
sen, damit eine Leerung nur dann stattfindet, wenn die Zudem belege die Studie, dass bestehende Abfuhrin-
Behältnisse tatsächlich voll sind. tervalle bei grundstücksbezogenen Behältern und
Fraktionen wie Restmüll, Leichtverpackungen (LVP)
Auch in Berlin26 testet die Berliner Stadtreinigung und Papier, Pappe und Karton (PPK) bereits in einer
(BSR) seit 2020 Funksensoren an Unterflurcontainern, angemessenen zeitlichen Frequenz und somit nur sel-
die rund um die Uhr Füllstanddaten sammeln.27 Diese ten zu früh oder zu spät erfolgen. Die Analyse weist
Daten werden dann an Cloud-Server übertragen, wo demnach bei öffentlichen Behältern ein größeres
sie mithilfe von künstlicher Intelligenz analysiert und Potenzial für den Einsatz von Sensoren aus. Das liegt
auf einem Dashboard visualisiert werden, um optimale auf der Hand, denn wie schnell sich ein Abfallbehälter
Routen an die Navigationssysteme der Müllfahrzeuge im öffentlichen Raum füllt, ist schwerer zu prognosti-
zu übertragen. Bis zu 30 Prozent mehr Effizienz hin- zieren als bei den Mülltonnen in den Haushalten.29
sichtlich der pünktlichen Leerung und weniger CO₂-
Emissionen versprechen sich die Berliner Entsorger von
dem System.28
In Bangladesch zum Beispiel hat der zweitgrößte Mobil-
Die Wirtschaftsbetriebe Duisburg haben 2021 eine funknetzbetreiber des Landes, Robi Axiata, der Stadt
Fallstudie zur Bewertung der Nutzen von Füllstands- Dhaka fünfhundert Sensoren zur Verfügung gestellt,
22 Ott (2023), S. 5 26 Hinweis Duisburg
23 Joshi (2022) 27 BSR (2020); BSR (2021)
24 Shahrokni et al. (2014) 28 Ott (2023), S. 8
32 25 Goldschald (2021) 29 Vgl. Hoffmann et al. (2021)
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um die Füllstände in öffentlichen Abfallbehältern zu mations- und Aufklärungskampagnen zu einem nachhal- überwachen und dann die zuständigen Stellen zu infor- tig verbesserten Trennverhalten beizutragen, mit der mieren, wenn eine Leerung notwendig ist.30 Aussicht auf sinkende Entsorgungskosten für besonders vorbildlich trennende Bürgerinnen und Bürger. Zurück ins österreichische Villach: Um die materielle Zusammensetzung von Abfällen KI-gestützt zu analy- Eine Herausforderung für die flächendeckende Einfüh- sieren und somit auch private Trennquoten zu ermit- rung solcher Systeme besteht in den regionalen Unter- teln, wurden hier – ebenso wie in Berlin – auch so schieden. Diese beschäftigen nicht nur die Entsorger, genannte Wertstoffscanner (Infrarotkameras und sondern auch die Abfallerzeuger, weil mancherorts drei Sensoren) in Müllwagen getestet.31 Im Fall von Villach verschiedene Behälter und anderenorts nur ein Behäl- befinden sich hierfür jeweils Chips mit Identifikations- ter für wiederverwertbare Verpackungsabfälle zur Ver- nummern an den Mülltonnen, damit nicht nur die Daten fügung stehen. Insbesondere im Auslandsurlaub wird den Standorten der 450 freiwillig am Piloten teilneh- jedem Verbraucher die Vielfalt an Trennungsweisen menden Haushalten zugeordnet werden, sondern auch deutlich bewusst. Neben der Informationsbereitstel- die Abfallentsorger per App direktes Feedback zu ihrer lung zu Aufklärungszwecken gilt es also, auch unnötige Müllentsorgung erhalten können.32 Komplexitäten abzubauen und nutzungsfreundliche Lösungen bereitzustellen. Das gilt vor allem für die Langfristig könnten ein solches Abfallmonitoring und die Orte, an denen die Mülltrennung besonders schnell transparente Bereitstellung entsprechender Analysen und zuverlässig gehen muss: auf der Shoppingmeile, am die Chance bieten, durch zielgruppenspezifischere Infor- Gleis oder kurz vor dem Boarding.
Digitaler Wertschöpfungsprozess für die Optimierung von Routen und Trennquoten
Informationsdreisprung
Sammlung Verarbeitung Übertragung
─Weiterleitung─ der Füllstand ─Auslesen─ und Verarbeitung ─Auswertung─ der
informationen über Sensoren der Daten Fehlwurfquote
an Entsorgungsunternehmen
─Ableitung─ einer ─Datenübermittlung─ an
─Sammlung─ von Informationen optimierten Route Fahrzeuge über individuelles Trennverhal- ─Prozessverbesserung─ ─Verbesserung─ persönlicher ten durch Wertstoffscanner Trennquote
Quelle: in Anlehnung an Ott (2023), S. 11
30 Wilson et al. (2021), S. 30 32 Goldschald (2021), S. 3 31 BSR (2023), S. 11; Goldschald (2021), S. 3 33
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SMARTE ABFALLBEHÄLTER AM BEISPIEL VON BIN-E
95-prozentige Trennquoten trotz Zeitdruck
„Falsche Mülltrennung ist oftmals auf Unwissen oder mangelnde Zeit zurückzuführen. Wir wollen niemanden vor-
verurteilen oder Unwillen unterstellen, sondern eine sinnvolle Lösung anbieten“, so Jakub Luboński, Geschäftsführer
und Co-Gründer von Bin-e. Das polnische Start-up hat smarte Abfallbehälter entwickelt, von denen heute bereits
250 Stück in über 20 Ländern zum Einsatz kommen und auch schon am Bahnhof Münster getestet wurden.
Die smarten Mülleimer stehen bisher in Einkaufszentren oder Bürokomplexen und nutzen ein Bilderkennungssys-
tem, das nach Eingabe des Abfalls eine Bildaufnahme anfertigt, die in Millisekunden durch künstliche Intelligenz
ausgewertet wird, um das Stück Abfall dann in den entsprechenden Behälter zu transportieren und dort zu pressen.
Sensoren überwachen den Füllstand der vier Behältnisse, sodass bei Leerungsbedarf eine Benachrichtigung an das
zuständige Facility Management übermittelt wird.
Eine wesentliche Frage, die sich für die Bin-e-Entwickler stellte, war, ob Kunden überhaupt an der teuren Anschaf-
fung und Wartung von intelligenten Mülleimern interessiert sein würden, wenn deren Aufstellung keinerlei finanzi-
ellen Nutzen abwirft. Schließlich zahlen Abfallerzeuger bisher nicht dafür, wenn sie Mülleimer benutzen. Schnell
war deshalb klar, dass ein Mehrwert für die Aufsteller der Abfallbehälter geschaffen werden muss: „Hier kommt das
‚smart‛ ins Spiel. Wir stellen unseren Kunden Echtzeitdaten über die Nutzung und Abfallzusammensetzung bereit“,
berichtet Luboński. Diese Daten werden dann in einer Cloud gesammelt, und per App oder Dashboard können
Informationen zu den gesammelten Abfällen und zum technischen Zustand der smarten Mülleimer eingesehen
werden. Denn für Luboński ist klar: „Es kommt nicht nur darauf an, die Daten zu haben, sondern auch zu wissen,
wie man sie am Ende des Tages nutzen kann. So lassen sich beispielsweise Stoffströme besser kontrollieren oder
aber auch wichtige Daten für das CSR- oder EPR-Reporting generieren.“
Quelle: Bin-e33
33 Vgl. Ishitiva (o. J.): Auch das indische Unternehmen Ishitva
Robotic Systems vertreibt smarte Mülleimer.
34
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Digitale Chancen für das Abfallmanagement in Schwellen- und Entwicklungsländern Taste statt Tonne In den Regionen der Welt, in denen ein etabliertes Abfallmanagement und somit auch eine regelmäßige Ansteuerung von Haushalten durch eine Müllabfuhr noch Fehlanzeige sind, hat der digitale Fortschritt eine besondere Bedeutung. Vielleicht ist er die einzige Chance für eine erweiterte Produzentenverantwortung.
So ergab die Analyse Digital Dividens in Plastic Recyc- Sammlern als Zuschlag für die Anfahrtskosten und -zeit ling aus dem Jahr 2021, gefördert durch die britische dienen soll.36 Bei Duitin, einer ähnlich konzipierten Regierung, dass 60 Prozent der 63 untersuchten digita- Plattform des indonesischen Entsorgungsunterneh- len Anwendungen in Afrika, Südasien und Südostasien mens PT. Tjatra Yasa Indonesia, beträgt das Mindestge- dem übergeordneten Zweck dienen, abfallproduzie- wicht drei Kilogramm.37 Nach Versand der Abholan- rende Haushalte und Unternehmen mit Abfallsammlern frage werden die Abfallsammler über die App und Recyclern zusammenzubringen – in den meisten automatisch informiert, wobei bis zum Abholen schon Fällen per App.34 mal ein bis zwei Tage vergehen.38
Müllentsorgung per Knopfdruck Bei Pakam in Nigeria erhalten die Abfallverkäufer eine Das Angebot der Apps folgt vielerorts einem ähnlichen digitale39, bei Veca in Vietnam optional auch eine Bar- Prinzip wie beispielsweise bei der Lösung des nigeriani- zahlung für ihre Abfälle, wobei die zu erzielenden Preise schen Anbieters Pakam Technology: Abfallerzeuger für die unterschiedlichen Abfallarten transparent in der erhalten per App eine Anleitung, um zunächst zu App aufgeführt sind und regelmäßig gemäß der Markt- Hause oder im Unternehmen ihre recyclingfähigen ent wicklungen Abfälle entlang vorgegebener Kategorien – zum Beispiel Kunststoff, Karton, Windeln, Aluminium, Multilay- Pakam-App ers, Glas, Öl – selbst zu sortie- ren und abzupacken, bevor sie danach per Knopfdruck die Abfallabholung durch einen Abfallsammler beauftragen und in der App die Abfallsorten und -mengen hinterlegen.35
Damit sich das Geschäft für die Sammler lohnt, gelten oftmals Mindestvorgaben für die abzuholende Abfallmenge. Veca, ein Unter- nehmen, das in Vietnam unter anderem Abfallsammler und Ankäufer mittels einer App verbindet, akzeptiert nur Abholauf- träge von mindestens fünf Kilogramm. Für Abfallmengen darunter entsteht für die Abfallerzeuger eine Gebühr, die den
Quelle: Pakam
34 Wilson et al. (2021), S. 28 37 Duitin (o. J.) (3) 35 Pakam (o. J.) 38 Veca (o. J.) 36 Veca (o. J.) 39 Pakam (o. J.) 35
PDF-Seite 36
deshalb nicht nur für, sondern gemeinsam mit Abfallsammlern entwickelt. Sie funktioniert auch offline und kommt so gut wie ohne Text aus.42 Andere App-Betreiber kooperieren mit Veca-App Wohlfahrtseinrichtungen für die Bereitstel- lung von Smartphones im Rahmen lokaler Regierungsprogramme zur Arbeitsplatzbe- schaffung,43 und Plastic Bank bietet den Abfall- sammlern in ihren Projekten Trainings zur Erweiterung digitaler Kompetenzen und einer effektiven Nutzung der verschiedenen Fea- tures an.44
Nachfrage bestimmt Angebot
Die Zunahme gesetzlicher Regelungen auf
dem Weg zur Umsetzung der Erweiterten Pro-
duzentenverantwortung (EPR) macht digitale
Anwendungen auch für Unternehmen interes-
sant, die nach Lösungen für ihr Abfallmanage-
ment suchen und nicht auf etablierte öffentli-
Quelle: Veca
che Abfallwirtschaftssysteme zurückgreifen
aktualisiert werden.40 Bei Duitin erfolgt die Zahlung in können. Die Anbieter reagieren. So können
Form einer digitalen Währung. In Anlehnung an die
Abfallsorte und -menge erhalten Abfallerzeuger soge-
nannte Duitin Coins oder Duition Points – eine Art
Treuepunkte – gutgeschrieben. Mit den virtuellen Mün-
zen oder Punkten können dann direkt über die App digi-
tale Produkte erworben werden.41
Je simpler, desto zugänglicher
So praktisch Apps für diejenigen sein mögen, die über Duitin-App
ein Smartphone und die notwendige Anwenderkom-
petenz verfügen, so notwendig erscheint es, die
Informationen und Anwendungen besonders nied-
rigschwellig zu gestalten und damit den teilweise
niedrigen sozialen Status und die Bildungsbenach-
teiligungen der Abfallarbeitenden im globalen
Süden zu berücksichtigen.
Die App KOLEKT von Circular Action, einer Initi-
ative der weltweit aktiven NGO BV-Rio wurde
Quelle: Duitin
40 Veca (o. J.) 43 Shu (2022)
41 Duitin (o. J.) (4) 44 Interviewaussage Peter Nitschke, Plastic Bank
36 42 Circular Action (o. J.) (1)
PDF-Seite 37
beispielsweise Unternehmenskunden von Duitin im Rahmen von Recyclingprogrammen ihre Mitarbeiten- den motivieren, anhand eines Unternehmenscodes gemeinsam Punkte zu sammeln, und mittels einer Tra- cking-Funktion nachverfolgen, wie sich der Einfluss der eigenen Belegschaft auf die Umwelt entwickelt.45
Octopus, 2021 gegründet und ebenfalls aus KOLEKT-App Indonesien, erreicht nicht nur bereits 150.000 Nutzer und kooperiert mit 60.000 Abfallsammlern, sondern arbeitet auch schon mit über 20 Markenartik- lern zusammen, die es bei der Umsetzung ihrer jährli- chen Nachhaltigkeitsziele46 durch Reporting-Angebote und Audits unterstützt.
Auch die Entwicklung passgenauer Pfandsysteme (Octopus Deposit Return System) bietet das Start-up an, beispielsweise in Kooperation mit Procter & Gamble Quelle: Circular Action B.V. - KOLEKTfür gebrauchte Produktverpackungen47 oder Softex (Kimberly-Clark)48 für benutzte Babywindeln. Dabei zahlen Konsumenten beim Kauf der Produkte ein Pfand, war es, eine digital verknüpfte Recycling-Lieferkette für das ihnen zurückerstattet wird, wenn sie die Abholung Kunststoffe aufzubauen, beginnend bei den abfaller- der Wasserflaschen oder Babywindeln über die Octo- zeugenden Haushalten bis hin zum globalen Markt“, pus-App veranlassen. Ein Dashboard informiert die erklärt Peter Nitschke, Globaler Direktor für Commu- Marken über das Entsorgungsverhalten ihrer Kunden.49 nity Partnerschaften bei Plastic Bank und Kooperati- onspartner des vierteiligen Projektkonsortiums. Der Netzwerkgedanke Eine zentrale Herausforderung beim Aufbau effizienter Für eine verbesserte Trennung direkt an der Quelle des digitaler Strukturen ist die starke Fragmentierung des Abfalls hat das German Institute of Development and Abfall- und Recyclingsektors, der eine Vielzahl unter- Sustainability (IDOS) Bildungsmaßnahmen speziell für schiedlicher Akteure und Interessengruppen umfasst: Haushalte entwickelt, um eine nachhaltige Verhaltens- Angefangen bei Haushalten und Sammlern über Sam- änderung zu fördern. Das indonesische Sozialunterneh- melstellen oder Aufkäufern bis hin zu den Aggregato- men Waste4Change hat ein System zur Sammlung von ren, Recyclern und Exporteuren, deren Zusammenspiel getrennten Abfällen auf Haushaltsebene und für die ört- oft unkoordiniert wirkt. lichen Waste Banks beigesteuert. „Die Mülltrennungs- rate konnte von 20 Prozent auf 60 Prozent gesteigert An dieser Stelle hat das Projekt Creating Value in Plas- werden, nur weil den Haushalten eine zweite Tonne zur tics Through Digital Technology der vom deutschen Verfügung gestellt und diese separat abgeholt wurde“, Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenar- erklärt Peter Nitschke stolz. Für die sichere und faire beit und Entwicklung (BMZ) initiierten PREVENT Bezahlung der Abfallsammler kam die Plastic Bank-App Waste Alliance in Indonesien angesetzt. „Unser Ziel zum Einsatz, die auf einer Blockchain-Technologie
45 Duitin (o. J.) (2) 47 Octopus (o. J.) (1) 46 In Indonesien ist von Extended Stakeholder Responsibility 48 Kimberly-Clark Softex (2021) die Rede. 49 Octopus (o. J.) (1) 37
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basiert und damit auch die Rückverfolgbarkeit der um die 10 Tonnen Plastik im Rahmen des Projektes gesammelten Kunststoffmengen, ihrer Herkunft und der gesammelt und vermarktet.50 getätigten Transaktionen und Prämien gewährleistet. Weitere vielversprechende Beispiele für integriertes Unter Einführung eines neuen Qualitätsstandards für Lieferkettenmanagement und Marktplatz-Anwendun- Rezyklate (DIN Spec 19446) wurden die zurückgewon- gen sind Recykal aus Indien (siehe Kasten) oder die App nenen und recycelten Kunststoffabfälle schließlich zum Handel mit recycelbaren Abfällen KOLEKT (siehe über den digitalen Marktplatz von Cirplus auf dem Interview mit Thierry Sanders). Weltmarkt angeboten, wobei aufgrund der vollständi- gen Rückverfolgbarkeit den Käufern eine sozialverträg- Für Plastic Bank war die wichtigste Erkenntnis aus dem liche Rezyklat-Beschaffung garantiert werden kann. PREVENT-Projekt, dass vermehrt auf die bereits lokal „Die Marken können das Rezyklat kaufen und wissen existierenden informellen Strukturen aufgebaut wer- dann, dass beispielsweise Menge X an Kunststoffabfall den muss: „Die Strukturen müssen einfach besser mit- in Gebiet Y gesammelt wurde und dass daran soundso einander vernetzt werden, und darin sehen wir zukünf- viele Sammler beteiligt waren, die soundso viel dafür tig auch verstärkt unsere Rolle. Für uns lohnt sich der bezahlt bekommen haben und soundso viele Prämien Zeitaufwand nicht, für jeden neuen Standort eigene erhalten haben“, illustriert Peter Nitschke. Im Ergebnis Waste Banks zu eröffnen. Stattdessen gehen wir jetzt wurden 900 Haushalte, 22 Waste Banks und zwei verstärkt auf die lokalen Unternehmen direkt zu und Recycler zur Nutzung der digitalen Tools geschult und bieten eine Zusammenarbeit an“, so Peter Nitschke.
50 PREVENT Waste Alliance (2023) (1)
Nicht für, sondern mit den Abfallsammlern: Bei der Entwicklung der App KOLEKT setzte Circular Action auf das Wissen und die Bedarfe der künftigen Nutzer.
38
PDF-Seite 39
RECYKAL
Indiens One-Stop-Shop für den Abfall- und Recyclingsektor
Recykal, 2016 gegründet, beschreibt sich als Indiens erstes Waste-Com- merce51-Unternehmen und bietet einen digitalen B2B-Marktplatz an, der landesweit Abfallerzeuger und -verarbeiter zusammenbringt. Das über- geordnete Ziel ist es, mehr Transparenz und Rückverfolgbarkeit im Abfall- und Recyclingsektor sicherzustellen und gleichzeitig Unternehmen zu unterstützen, ihren in Indien gesetzlich geregelten Verpflichtungen im Rahmen der Erweiterten Produzentenverantwortung (EPR) und Nachhal- tigkeitsberichtspflichten nachzukommen.52
Recykal bietet hierfür ein breites Angebot entlang der Kunststoff-Wert- schöpfungskette an. Dazu zählen zum Beispiel ein Pfandsystem für Inver- kehrbringer beziehungsweise Produktverkäufer mittels QR-Codes53 oder smarte Lösungen für Sammelzentren, sogenannte Recykal Points. Deren Quelle: Recykal (3)digitale Ausstattung soll für mehr Planbarkeit sorgen und dadurch zur Schaffung von Jobs und damit zur Integration von Abfallsammlern beitra- gen. Die Grundlage hierfür bildet ein cloudbasiertes Software-as-a-Ser- vice-Modell, über das alle Stakeholder miteinander verbunden sind, um die Nachfrage und Verfügbarkeit von wiederverwertbaren Abfällen zu überwachen, Lagerbestände, Aufträge und Logistik zu steuern, Kunden und Partner in Datenbanken zu verwalten, Verkaufspreise zu vergleichen und digitale Zahlungen im Rahmen von Transaktionen zu tätigen und zu empfangen.54
Angesichts der steigenden Nachfrage nach wiederverwertbaren Kunst- stoffen und des damit verbundenen erhöhten Betrugsrisikos bei Online- Transaktionen soll der App-basierte Recykal-Marketplace Qualität und Echtzeit-Verfolgung von Bestellungen garantieren. Zu diesem Zweck lis- tet Recykal nur seriöse Verkäufer und Käufer im Marktplatzsystem auf, die es selbst verifiziert hat. Registrierte Käufer können dann die geprüften Angebote einsehen, Preise vergleichen und sich für den Kauf einer Quelle: Recykal (4) bestimmten Materialmenge entscheiden. Recykal-Vertreter prüfen dann das Material vor Ort, bevor es verladen und abtransportiert wird. Recykal wirbt damit, dass es die volle Verantwortung für die Qualität des Materi- als übernimmt, bis es den Käufer erreicht.55
51 World Economic Forum (2023) 54 Recykal (o. J.) (5) 52 Erukala (2023) 55 Recykal (o. J.) (2) 53 Recykal (o. J.) (1)
39
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MONITORING PER APP Digital schafft Transparenz und Vertrauen Der Einsatz digitaler Lösungen kann ein höheres Maß an Transparenz schaffen, was für Marken angesichts ihrer zunehmend kritischer beobachteten Lieferketten und des wach- senden Interesses an der Verwendung sozialverträglich recycelter Kunststoffe immer wichtiger wird. Gleiches gilt für den Nachweis der Einhaltung gesetzlich vorgeschriebener EPR-Verpflichtungen in Bezug auf Sammel-, Recycling- und Wiederverwendungsquoten.
Die damit verbundene Wertsteigerung von Abfällen einem Livedashboard eingesehen werden. Das schafft
geht mit einem Bedarf an Zertifizierung einher, um die notwendige Transparenz und somit auch Vertrauen
Betrug auf verschiedenen Ebenen zu vermeiden und bei den CleanHub-Kunden, die wiederum auf diese
Vertrauen nachhaltig aufzubauen. Dies wiederum setzt Weise über den digitalen Beleg verfügen, wie viel
gewisse Standards im Bereich des Monitorings, Kunststoff wann und wo für sie aus der Umwelt gesam-
Reportings und der Verifizierung bei der Sammlung und melt und sachgemäß weiterverarbeitet beziehungs-
dem Recycling von Abfällen voraus. weise entsorgt wurde.
„Standards sind wenig wert, wenn sie nicht eingehalten „Die gesammelten Daten, in unserem Fall Pixelwerte,
werden. Gleichzeitig kostet die fortlaufende Dokumen- müssen so in einen Kontext gestellt werden können,
tation Zeit und somit auch viel Geld, das dem Abfall- dass sie mit Daten von verschiedenen Zeitpunkten
und Recyclingsektor vielerorts fehlt“, merkt Joel Tasche davor abgleichbar sind, um die Korrektheit sicherzustel-
kritisch an. Der Mitgründer und Geschäftsführer der len. Hier können zukünftig Machine Learning bezie-
Plattform CleanHub weiß, wovon er spricht, denn mit hungsweise Algorithmen eine noch wichtigere Rolle
seinem Berliner Start-up unterstützt er Marken und Ver- spielen, weil sie in der Lage sind, Abweichungen eigen-
braucher dabei, ihren Plastikfußabdruck auszugleichen. ständig zu erkennen“, erklärt Tasche. Hierdurch können
Fehler erkannt und Betrug vermieden werden, indem
CleanHub arbeitet hierfür mit lokalen Sammel- und es zum Beispiel schwerer ist, Abfälle doppelt zu verbu-
Recyclingpartnern in Indien, Indonesien, Kambodscha chen, obwohl sie nur einmal gesammelt wurden.
und Tansania zusammen. Durch den Einsatz einer
eigens entwickelten Software will das Start-up nicht Hinsichtlich sozialer Aspekte, wie zum Beispiel der
nur die Dokumentation erleichtern, sondern gleichzei- Gewährleistung von Arbeitsschutz oder fairer Bezah-
tig sicherstellen, dass die laufende Erfassung der Mas- lung, warnt Tasche gleichzeitig davor, dass dies Techno-
senbilanzen von Abfallströmen entlang der gesamten logie allein nicht lösen kann. Hierfür braucht es physi-
Logistikkette nachvollziehbar und präzise ist. sche Social Audits direkt vor Ort. Es scheint also, dass
bei Weitem noch nicht alles im digitalen Raum laufen
Hierfür werden während der gesamten Sammlung aus kann und vielleicht besser auch nicht sollte.
der Umwelt, anschließenden Sortierung und des weite-
ren Transports der Kunststoffabfälle von allen Beteilig- Anreiz mit Durchblick
ten entsprechende Daten und Gewichtsnachweise per Die erhöhte Transparenz durch eine digitale Daten-
Foto in der CleanHub-App hochgeladen. Ein Echtzeit- sammlung und ihr übergeordneter Nutzen im Kampf
Feed bildet die Daten ab, die in das Cleanhub-System gegen die Plastikmüll-Krise werden nicht von allen
eingehen und können über die Website des Start-ups in Unternehmen begrüßt. Skeptiker fürchten zusätzliche
40
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Bürokratie und Abgaben im Rahmen weiterer Regulie- ersten Blick auf der Hand liegen und dazu beitragen, ver- rungen. Daher gilt es umso mehr, auch die Perspektiven besserte Lebens- und Arbeitsbedingungen für Men- der Abfallsammler, Recycler und Aggregatoren zu schen in Schwellen- und Entwicklungsländern zu schaf- berücksichtigen und die Vorteile, die sich durch digitali- fen. Digitale Lösungen können zudem die sierte Prozesse für ihr Geschäft ergeben.56 Voraussetzungen für eine Kreislaufwirtschaft verbes- sern, indem sie beispielsweise Materialströme nachvoll- Plattformen für das Lieferkettenmanagement, anhand ziehbar machen und Transparenz über das Einhalten von derer Daten zentral abgebildet werden, bieten Herstel- Berichtspflichten und Erreichen von Recyclingzielen lern, Inverkehrbringern und Recyclern wichtige Analy- schaffen. Im praktischen Tagesgeschäft können Abfall- semöglichkeiten, um besser zu verstehen, wie sich ihre sammler zum Beispiel durch digitale Apps mit Produzen- Stoffströme zusammensetzen, welche Trends sich bei ten verbunden werden und Anreize erhalten, Material bestimmten Materialien im Zeitverlauf abzeichnen und mit geringem Wert zu sammeln. Aber nicht alle informel- wie es um ihr Inventar steht. Das ist insbesondere nütz- len Abfallsammler haben Zugang zu solchen digitalen lich für die Planung von Einnahmen und bei spezifi- Apps. Daher ist nicht das gesamte Multiversum der digi- schen Materialnachfragen – was vor allem der Fall ist, talen Angebote nützlich, und es muss darauf geachtet wenn eine direkte Verbindung zu Käufern oder dem werden, dass durch die neuen Systeme niemand ausge- globalen Rezyklatmarkt besteht und somit auch direkte schlossen wird“, sagen Ellen Gunsilius, Fachplanerin für Einsicht in Preisentwicklungen gewährleistet ist.57 Umwelt und Kreislaufwirtschaft bei der GIZ und ihr Kol- lege Steffen Blume, Projektmanager zur Verringerung Die Möglichkeit zu erzielende Verkaufspreise oder Prä- der Eintragung von Plastikmüll in die Weltmeere. mien für ihre gesammelten Abfallmengen einsehen und untereinander vergleichen zu können, macht die Nut- Sie sind in Abfall- und Kreislaufwirtschaftsprojekte in ver- zung von Apps für die Abfallsammler und den Kunst- schiedenen Ländern involviert und Teil der PREVENT stoffabfall-Handel äußerst attraktiv. Der Zugang zu Waste Alliance-Plastics-Arbeitsgruppe, in die sich auch aktuellen Informationen über die Lokalisierung oder für viele digitale und zirkuläre Unternehmen einbringen. Diese die direkte Beauftragung zur Einsammlung von Abfäl- zählte bereits über 20 nationale und internationale Abfall- len und die Anzeige der nächstgelegenen Abnehmer Sammel-Apps, die allein in Indonesien auf dem Markt sind. ermöglicht es ihnen außerdem, ihre Arbeit effizienter Gunsilius und Blume leiten daraus einen Bedarf an Har- und effektiver zu gestalten. Das verbessert im Idealfall monisierung und Interoperabilität ab, weil andernfalls wei- die Chance auf eine regelmäßige Einkommensmöglich- terer Fortschritt ausgebremst und Ressourcen für die keit oder sogar faire Entlohnung, Gesundheits- und Bil- immer gleichen Ansätze investiert würden. dungsleistungen,58 insbesondere dort, wo digitale Lösungen an entsprechende Programme gekoppelt Neben einer gewissen technischen Offenheit auf Pro- sind oder die allmähliche Integration des sogenannten grammierebene der Apps59 setzt dies vor allem den „informellen Sektors“ zum Ziel haben. Hierfür sind aller- Willen der Marktteilnehmer zu einer Kooperation für dings Ansätze erforderlich, die eine Bezahlung nach den übergeordneten Zweck voraus. „Wenn Standards Leistung und nicht nur nach gesammelter Menge für digitale Lösungen und Datennutzung geschaffen ermöglichen, zum Beispiel basierend auf Zuschlägen werden, diese aktualisiert und Regierungen und Markt- unter Berücksichtigung der tatsächlich für die Samm- teilnehmern zugänglich gemacht werden, würde der lung aufgewendeten Zeit. Mehrwert vielleicht anerkannt, und sie könnten durch Effizienz- und Skalengewinne einen Beitrag zu verbes- Zu viel des Guten? serten Umwelt- und Lebensbedingungen schaffen“, „Die Vorteile digitaler Lösungen mögen zwar auf den wagen Gunsilius und Blume vorsichtig abzusehen.
56 PREVENT Waste Alliance (2023) (2), S. 5 58 Vgl. Plastic Bank (o. J.) 57 Vgl. Interviewaussagen Peter Nitschke, Plastic Bank, und 59 Circular Action (o. J.) (2) Joel Tasche, CleanHub 41
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INTERVIEW
Thierry Sanders, Geschäftsführer
von Circular Action B.v.,
über KOLEKT
Was hat Sie dazu motiviert, die KOLEKT-App zu net-Datenpakete verfügen, oder nur einfache Mobilte-
entwickeln? lefone haben oder sogar überhaupt kein Handy. All dies
Während meiner Zeit auf Bali wurde ich Zeuge des gro- muss sorgfältig bedacht werden.
ßen Müllproblems. Nicht nur viele Ausländer wie ich,
sondern auch Schulen, Unternehmen, Hotels und Res- Die Grundvoraussetzung für KOLEKT war also, für
taurants haben Probleme, ihre Abfälle richtig zu entsor- Menschen nutzbar zu sein, die weder ein Telefon noch
gen. In Ländern wie Vietnam, Indonesien, Brasilien und ein Bankkonto haben und oft offline arbeiten müssen.
vielen anderen kommen nur etwa vier Müllsammler auf Es geht um den kleinsten gemeinsamen Nenner. Die
1.000 Einwohner. Mit ihren Motorrädern und Wägen App ist sehr einfach konzipiert, es werden keine Hand-
sind sie ständig auf der Suche nach kostbaren Wert- bücher benötigt, es gibt nur sehr wenig Text, und sie
stoffen auf den Straßen. Viele von ihnen verschwenden funktioniert auf Arabisch, Portugiesisch, Vietnamesisch
dabei nicht selten viel Zeit und Benzin. Schlussendlich und Indonesisch.
hat mich das indonesische Taxisystem dazu inspiriert,
mich mit den Müllersammlern zusammenzusetzen, um Was genau ist das Konzept hinter der App?
etwas gegen dieses Problem zu unternehmen. Ein sehr wichtiger Punkt ist, dass Apps, insbesondere
für die Müllsammlung, nur dann wirklich gut genutzt
Wie ist die Entwicklung der App vonstattengegangen? werden, wenn es einen finanziellen Mehrwert für die
Tatsächlich bot ich einem Müllsammler und seinen Kol- Nutzer gibt. Denn die Müllsammler wissen genau, was
legen Kaffee und Zigaretten an, um ihn zu fragen, ob er sie tun und brauchen keine technische Unterstützung
Interesse hätte, mir bei der Entwicklung einer App für für ihre Arbeit. Sie haben ihre eigenen Netzwerke und
die Abfallsammlung, ähnlich wie der Taxi-App, zu hel- kennen die Händler und ihre Preise, an die sie den
fen. Wir arbeiteten also fünf Tage lang zusammen an gesammelten Abfall verkaufen können.
Entwürfen, und einen Monat später hatte ich eine erste
Pilotversion der App entwickelt, mit der er absolut nicht Die Möglichkeit allerdings, Kaufpreise verschiedener
zufrieden war und sich über diverse Mängel beschwerte. Abnehmer zu vergleichen, macht eine App interessant
und forciert den Preiswettbewerb. Außerdem sind da
Dieses Feedback stellte sich als sehr hilfreich heraus. noch die multinationalen Konsumgüterunternehmen,
Ein Beispiel: Die Smartphones der Abfallsammler funk- die nachweisen müssen, dass sie eine bestimmte Kunst-
tionieren oft schlechter, weil zum Beispiel die Kameras stoffmenge sammeln und entsorgen lassen haben. Und
eine geringere Bildauflösung haben. Außerdem ist der wenn dann Unternehmen, wie in unserem Fall Tetra-
Bildschirm wegen der starken Sonneneinstrahlung pak, daran interessiert sind, weniger wertvolle Materia-
nicht sehr gut zu erkennen, weshalb ein entsprechen- lien sammeln zu lassen, braucht es entsprechende Sam-
der Kontrast für die Buchstaben notwendig ist. Hinzu melanreize für diese geringwertigen Abfälle. Um eine
kommt, dass viele Sammler nur über begrenzte Inter- solche Subvention zu gewähren, muss sichergestellt
42
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App-Entwicklung beim Kaffee mit den Abfallsammlern
sein, dass eine große Anzahl von Menschen bezahlt Und dann gehen wir eine Ebene weiter zu den Sammel- werden kann, die weder über ein Bankkonto noch über stellen und erklären dort, dass der Materialkomprimie- ein Mobiltelefon verfügen. Hier kommt also KOLEKT rer bei ihnen Abfälle kaufen würde und dass sie den ins Spiel. Standort über die KOLEKT-App finden könnten. Wir zeigen ihnen also den Mindest- und Höchstpreis auf KOLEKT kombiniert alle drei Bedarfe. Erstens: Markt- der App und die unterschriebenen Papiere. Und dann platz für den Wertstoffhandel, zweitens: Monitoring rufen sie den Materialkomprimierer an, um sich zu ver- und Nachweis für Unternehmen über die endgültige gewissern, dass alles stimmt. Abfallentsorgung und drittens: Anreize für die Liefer- kette durch Prämien oder Subventionen für Abfall- Zum Schluss erklären wir ausführlich die Funktionen sammler ohne Bankkonto schaffen. der App. Und wenn dann ein Müllsammler bei der Sam- melstelle ankommt, wird er dort per Gesichtserken- Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Mission von nung oder per OTP/SMS auf seinem Mobiltelefon KOLEKT darin besteht, den Kauf und Verkauf von wie- registriert oder gefragt, ob er KOLEKT auf sein Mobil- derverwertbaren Abfällen und die Bezahlung von Müll- telefon herunterladen kann, um die Verkaufstransak- sammlern zu vereinfachen, um ihnen somit ein Einkom- tion abzuschließen. men über dem lokalen Mindestlohn zu ermöglichen. Im Grunde genommen geht es darum, Zuverlässigkeit Wie erfahren potenzielle Nutzer von der App? und Vertrauen zu schaffen, dass der Preis gezahlt wird, Eigentlich ausschließlich über Mundpropaganda. der auch im Vorhinein vereinbart wurde. Sobald aber Zunächst suchen wir nach einem Recycler, der die von jemand nicht mehr auftaucht oder sich die Preise uns gewünschten Wertstoffe verarbeiten kann. Dann ändern, fängt das Misstrauen an, und die ganze Kette schließen wir einen Vertrag mit ihm ab, und sobald wir fällt auseinander. den Vertrag haben, kennen wir den Ankaufspreis. Danach gehen wir eine Ebene tiefer zu den Material- Wie registrieren sich die Müllsammler ohne Smart- komprimierungsunternehmen, die eine Ballenpresse phone oder Mobiltelefon bei KOLEKT? haben, um sicherzustellen, dass die Transportkosten Die Müllsammler werden registriert, wenn sie zum Ver- niedrig bleiben. kauf kommen. Sollten sie kein Telefon haben, genügt ihr Gesicht in Kombination mit ihrem Namen, um ein Konto Wir fragen also nach den Kosten fürs Pressen und für in unserer App mit dem Telefon des Käufers zu erstel- die Lieferung an den Recycler. Und da sie uns dort nicht len. Der verkaufende Waste Picker wird also per trauen, rufen sie erst den Recycler an, um zu prüfen, ob Gesichtserkennung auf dem Telefon des Käufers bestä- das Angebot wirklich stimmt. Nach der Bestätigung tigt und erhält Bargeld für das verkaufte Material sowie durch den Recycler wird der Vertrag unterschrieben. Punkte zugeschrieben. Die angesammelten Punkte
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Die KOLEKT App ist in verschiedenen Sprachen verfügbar und wird daher bereits in Ländern wie Indonesien, Brasi- lien, Vietnam oder Mosambik genutzt.
können dann über den Login des Waste Pickers in das Daten, die die Wirtschaftsprüfer von Unternehmen
Telefon des Käufers an einen Dritten übertragen wer- sehen wollen und letztlich auch für die EPR-Berichter-
den, der den Wert der Punkte in Bargeld an ihn stattung am wichtigsten sind. Denn anhand der
auszahlt. KOLEKT-Daten kann nachgewiesen werden, wie viele
Tonnen Abfall an die Recycler geliefert wurden, wie die
Wie viele Personen nutzen die App bereits? Recycler die Abfälle weiterverarbeitet haben und
Die größte Nutzergruppe sind die Müllsammler. Was woher die Abfälle stammten.
die Nutzeranzahl anbelangt, lässt sich eine Pyramiden-
struktur erkennen: Am unteren Ende der Pyramide ste- Wie geht es weiter bei KOLEKT?
hen die Müllsammler, dann die Sammelstellen oder Ich denke, das Wichtigste ist, Konsumgüterherstellern
Käufer, danach die Aggregatoren und schließlich die zu verdeutlichen, dass die Sammlung von Verpackungs-
Recycler oder Exporteure. abfällen nur dann gesteigert werden kann, wenn sie
händisch von den echten Experten, den Profis, was die
Momentan zählt KOLEKT etwa 2.000 Nutzer, was Müllsammler sind, durchgeführt wird. Und die lassen
nicht sonderlich viel scheint. Doch mit KOLEKT wurden sich nicht durch Abfallsammelfahrzeuge oder intelli-
bereits etwa 15.000 Transaktionen in den letzten zwölf gente Mülltonnen ersetzen, sondern müssen fair
Monaten durchgeführt mit einem Volumen von ca. bezahlt werden.
1.500 Kilo pro Transaktion.
In Zukunft wollen wir auch Zertifikate, ähnlich zu Plastic
Welche Art von Daten wird durch die App gesammelt? Credits, als Sammel- und Recyclingnachweis für Kon-
Und welchen Wert schreiben Sie den Daten zum Bei- sumgüterunternehmen anbieten. Das würde bedeuten,
spiel in Bezug auf die EPR-Berichterstattung zu? dass Auditoren wie Control Union oder der TÜV unsere
Der Wert der Daten liegt in den Transaktionen und Systeme daraufhin überprüfen könnten, ob die Samm-
Ankaufsanzeigen, aber auch in der Möglichkeit, Betrug lung und das Recycling korrekt durchgeführt und ord-
zu erkennen und zu verhindern. Über die App sammeln nungsgemäß dokumentiert wurden. Kurz gesagt, unser
wir Fotos, GPS-Daten, Ver- und Ankaufsbestätigungen, Ziel ist es, uns zu einer Auditierungsplattform für
Preise, Gewicht, Materialangaben. Das sind auch die Abfälle zu entwickeln.
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Wie sich Datenlücken mit digitalen Tools schließen lassen Zu Land, Wasser und in der Luft Welche Menge an Plastikabfällen befindet sich in der Umwelt und unseren Weltmeeren? Wo und wann wurden die Abfälle eingetragen? In welchen Regionen ballen sie sich besonders stark, und unter welchen Wetter- und Umweltbedingungen verteilen sie sich wie weiter? Antworten auf diese Fragen könnten maßgeblich dazu beitragen, die Ursprünge und ökologischen Folgen der Plastikkrise besser zu verstehen und möglicher- weise sogar einzudämmen. Bislang klafft jedoch an dieser Stelle noch eine große Daten- lücke, ganz zu schweigen von internationalen Monitoringstandards, die angesichts des globalen Ausmaßes der Krise eigentlich zwingend erforderlich wären.60
Der Einsatz digitaler Technologien im Rahmen lokaler Wenn aus Clean-up Citizen Science wird Probennahme- und Sammelaktionen (z. B. Beach Clean- Globale Statistiken über Meeresmüll zu erstellen und der ups), visueller Erfassungen (z. B. an Bord eines Fischer- Wissenschaft frei zugänglich zu machen – mit diesem Ziel bootes) und Fernerkundung (z. B. durch Drohnen oder ist die bekannte US-amerikanische Umweltingenieurin Flugzeuge) birgt dabei ein großes Potenzial, um das Jenna Jambeck 2010 bei der Entwicklung der Marine Ausmaß von Verschmutzung besser zu kartieren und Debris Tracker-App angetreten. Auf Grundlage der über zu quantifizieren, die Zusammensetzung von Abfällen die App gesammelten Daten konnte Jambeck 2015 die zu bestimmen und ihre Verbreitungswege zu überwa- vielfach zitierte Schätzung aufstellen, dass jedes Jahr chen oder gar vorherzusagen. Voraussetzung: Viele mehr als acht Millionen Plastikteile ins Meer gelangen.61 Menschen müssen mitmachen beim Datensammeln. Über die App wurden weltweit bereits knapp 7,5 Millio-
Marine Debris Tracker
Quelle: Marine Debris Tracker
60 Interviewaussagen Tilman Floehr, everwave; Mattis Wolf, 61 Ellen MacArthur Foundation (2022) (2) dfki; Steffen Blume und Ellen Gunsilius, GIZ; Vgl. Ostrowski (2021) 45
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nen Abfallstücke (Stand Juli 2023) gesammelt und doku- um mit Städten, gastronomischen Einrichtungen oder mentiert62 bei einer weltweiten Nutzerzahl von rund Marken Lösungen für lokale Müllprobleme zu entwickeln. 10.000 Citizen Scientists (Stand 2021)63. So konnte auf Grundlage gesammelter Daten mit der App, über die bereits 19 Millionen Abfallstücke registriert Die App listet eine Vielzahl von Kooperationspartnern wurden (Stand Juli 2023), unter anderem in San Francisco aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Bildung auf, für erfolgreich eine Zigarettensteuer eingeführt werden. die je nach Forschungsanliegen individuelle Abfall- und -materiallisten aufgeführt sind. Wählen App-Nutzer Dafür haben App-Nutzer mehr als 5.000 Zigaretten- dann eine Liste aus, können sie die gesammelten Abfall- stummel gesammelt und dokumentiert, nachdem eine gegenstände eintragen, wobei allerdings nicht zwin- erste Steuereinführung an einer Klage großer Tabak- gend ein Foto als Beleg notwendig ist. Um dem wissen- konzerne zunächst gescheitert war. Dank der aufge- schaftlichen Anspruch gerecht zu werden, bietet die nommenen Fotos und Dokumentation des Sammelzeit- App zusätzliche Funktionen an zur Sicherstellung der punkts, der Lokalisierung und Marke der Stummel GPS-Genauigkeit für die Lokalisierung von Abfällen konnte die Dringlichkeit für die Steuereinführung und zur Dokumentation der Wegstrecke, die bei der belegt werden und vor Gericht am Ende standhalten.65 Sammlung abgelaufen wird. Diese Funktion soll in der Analyse darüber Aufschluss geben, wo und an welchen Neben dem Tracking von Abfällen bietet die App zudem Stellen keine Abfallvorkommen aufgetreten sind. Im Einblicke über die Menge weltweit gesammelter Abfälle Anschluss werden die Daten dann direkt an die Online- durch die Litterati-Community und die Möglichkeit an, Datenbank übermittelt, die von überall auf der Welt Sammelwettbewerbe unter den App-Nutzern zu orga- abgerufen und herunter- nisieren oder sich an Forschungsaufträgen zu beteili- geladen werden kann.64 gen.66 Wie bei der Marine Debris Tracker-App gewähr- leistet Litterati ebenfalls freien Zugriff auf die Daten zu 2015 ins Leben gerufen, den gesammelten Abfalldaten, die monatlich aktualisiert verfolgt die ebenfalls und immer nur für ein Kalenderjahr eingesehen werden US-amerikanische und können.67 Ein auf Städte zugeschnittenes Analysepro- inzwischen in 135 Län- dukt im Rahmen des sogenannten City Fingerprint Pro- jects soll zudem Entscheidungsträgern Rückschlüsse auf Abfallkonzentrationsgebiete, wie beispielsweise in Litterati-App Shoppingmeilen oder illegalen Mülldeponien, erlauben und somit die datenwissenschaftliche Grundlage zur dern genutzte Ableitung von effektiven Maßnahmen zur Abfallbe- Litterati-App ein ähn- kämpfung bieten. Für dieses Produkt kommt künstliche liches Ziel: verstehen, Intelligenz für die Auswertung der über die App gesam- weshalb in bestimm- melten Bilddokumentationen zum Einsatz.68 ten Straßen, Parks oder Nachbarschaf- Einen zusätzlichen Fokus setzt das in London ansässige ten besonders viel Sozialunternehmen Unwaste.io Ltd. Es hat sich zur oder wenig Müll in Aufgabe gemacht, mit Kooperationspartnern in Kongo, der Umwelt liegt, Kenia, Malawi, Mosambik, Tansania, Uganda und Sam-
Quelle: Litterati
62 Marine Debris Tracker (o. J.) (1) 66 Litterati (o. J.) (1)
63 Marine Debris Tracker (2021) 67 Litterati (o. J.) (2)
64 Marine Debris Tracker (2020) 68 Litterati (o. J.) (3)
46 65 TED (2017)
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Unwaste.io
Quelle: Unwaste
bia valide und robuste Daten über in der Umwelt aufge- Marken gefiltert und beispielsweise Abfall-Hotspots fundene Kunststoffflaschen zu sammeln und die dazu- eingesehen werden können.70 Zudem geben monatli- gehörigen Marken zu dokumentieren. Hierfür erhalten che Berichte Auskunft über die Top-5-Flaschenmarken, die lokalen Partnerorganisationen ein entsprechendes von denen die meisten aus der Umwelt in den Regionen Training, um im Zuge ihrer Aufklärungsarbeit und der Kooperationspartner gesammelt wurden.71 Clean-up-Aktionen zur Datensammlung und -verarbei- tung sowie der Durchführung von Hintergrundrecher- Der Ansatz von Unwaste.io ist vielversprechend, weil chen zu Produktdaten von Marken, Herstellern und die Datenbank lokalen Umweltaktivisten und NGOs Händlern beizutragen.69 solide Beweise liefert, um damit direkten Druck auf bestimmte Marken, die Industrie und Politik auszuüben Die Grundlage hierfür bildet eine App, über die die Bar- und die Ableitung von Lösungsansätzen oder die wirk- codes von Plastikflaschen gescannt und die entspre- same Umsetzung von EPR-Maßnahmen einzufordern.72 chenden Informationen hinterlegt werden: unter ande- In diesem Zusammenhang scheint eine Ausweitung von rem Marke, Produktname, Gewicht, Hersteller. Auf die PET-Flaschen auch auf andere Verpackungsformen Daten kann frei über die Wastebase DATA-Plattform sinnvoll zu sein. zugegriffen werden, wo entlang von Herstellern und
69 Unwaste.io (o. J.) (1) 71 Wastebase (2023) 70 Wastebase (o. J.) 72 Unwaste (2021) 47
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Fernerkundung von Plastik-Emissionen
Aus der Vogelperspektive
Obwohl digitale Tools die Dokumentation erheblich erleichtern, ist das Entfernen von
Abfällen aus der Umwelt müßig und erfolgt meist manuell, oftmals nur punktuell und
erfordert vor allem das Engagement von Einzelpersonen. Bedenkt man das riesige Aus-
maß der Plastikkrise, bedarf es also auch ergänzender Ansätze bei der Beseitigung bereits
eingetretener Verschmutzung.
Eine immer wichtigere Rolle spielt hierbei die Ferner- KI als rechte Hand
kundung durch den Einsatz von Überwachungskame- Ein Projekt, das es sich zum Ziel gemacht hat, mithilfe
ras, Flugzeugen und Drohnen sowie Satelliten, bei der von Flugzeugen schwimmenden und angeschwemmten
die physikalischen Eigenschaften eines Areals durch die Plastikmüll aus der Luft aufzuspüren, um Rückschlüsse
Messung der reflektierten und emittierten Strahlung auf Ursprünge und Verbreitungswege zu ziehen, ist
aus der Ferne erfasst und untersucht werden.73 PlasticObs_plus. „Perspektivisch wollen wir ein System
Aufnahme, Analyse und Erkenntnisableitung aus Fernerkundungsbildern
Sammlung von Bildmaterial per Fernerkundung Validierung und Verifizierung
─Satelliteneinsätze─ (z. B. Sentinel-2, WorldView-3, ─Beobachtungen─ vor Ort
GeoEye-1, PlanetSope, SkySat, PRISMA, EnMAP) ─Bekannte─ oder künstliche Ziele
─Luftfahrtplattformen─ (z. B. Drohnen, Flugzeuge) ─Soziale─ Medien
─Landnaheplattformen─ (z. B. Boote, feststehende ─Citizen─ Science
Pfosten, Brücken, Handgeräte)
Vorverarbeitung von Bildern Analyse und Klassifikation Output
─Atmosphärenkorrektur─ ─Analysen─ der Pixelabdeckung ─Erkennung,─ Quantifizierung
─Landmaskenerstellung─ ─Spektrale─ Eigenschaften (Form und ldentifizierung von
─Wolkenerkennung─ und Helligkeit) Endprodukten (z. B. Karten,
Mengen, Polymer, Formen,
─Erkennung─ weißer ─Algorithmen─ (z. B. Bandindex, Farben, Größen)
Schaumkämme normierte Differenzen, Band-
tiefe, neuronale Netze, Objekt- ─statistische─ Metriken (z. B.
─Korrektur─ des Sonnenglitzerns kantenerkennung, Random Präzision, Pixelabdeckung,
─Kennzeichnung─ bekannter Forest) falsch-positive und falsch-
Objekte negative Ergebnisse, F-Score)
─Empfindlichkeitstests─
Quelle: Übersetzt aus Blume et al. (2023), S. 19
48 73 Vgl. Blume et al. (2023), S. 11
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Das PlasticObs+ Konzept
Quelle: Tholen et al. (2023)
für das kontinuierliche Überfliegen von Küstenab- entwickelt. Abgesehen davon, dass die manuelle Aus- schnitten und Flussmündungen entwickeln, um Verän- wertung von Daten sehr zeitaufwendig ist, zahlt sich derungen über die Zeit hinweg zu verfolgen. Hierfür das regelmäßige Training der KI-Modelle aus. So konnte greifen wir auf Flugzeuge zurück, die üblicherweise für das DKFI bereits in einer Untersuchung nachweisen, die Erkennung von Ölverschmutzungen eingesetzt dass sich künstliche Intelligenz in der Fernerkundung werden, entsprechend technisch ausgestattet und lohnt. Bei der Unterscheidung zwischen Bildern mit ohnehin schon in der Luft sind. Erste Feldversuche sind und ohne Plastikmüll lag die Genauigkeit der KI-Metho- wir im November 2022 auf der Insel Spiekeroog geflo- dik mit 93,3 Prozent sogar über der von Menschen hän- gen“, erzählt Mattis Wolf, Wissenschaftler am Deut- disch erstellten mit 92,6 Prozent.74 schen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DKFI) und neben Dr. Tilman Floehr, Technikchef und „Die Flugzeuge sind mit verschiedenen optischen Sen- Mitgründer der deutschen Organisation everwave, Teil sorsystemen ausgestattet. Nah-Infrarot kann beispiels- des Projektkonsortiums. weise dazu beitragen, aus der Entfernung den Unter- schied zwischen Wasser und tatsächlichem Treibgut zu Für die Erhebung der Bilddaten kommen bei erkennen, da sich in diesem Spektralkanal die Absorpti- PlasticObs_plus deshalb Flugzeuge zum Einsatz, weil onscharakteristik für Wasser maßgeblich unterschei- sie eine hohe räumliche Auflösung und die damit not- det“, erklärt Wolf. Nachdem in einem ersten Schritt wendige Datenqualität besser gewährleisten können. mittels eines Sensors mit einem breiten Öffnungswinkel Satellitenaufnahmen können zwar ein größeres Areal und geringerer Auflösung zunächst potenzielle Müll- abbilden, erreichen aber nicht den gleichen Detailgrad. teppiche durch die KI-Analyse ermittelt wurden, wird Und Drohnen wiederum sind nur sehr stationär ein- anschließend mit einem zweiten Sensor in die entspre- setzbar, müssen regelmäßig geladen und erst noch mit chenden Hotspots hineingezoomt. „Die hochauflösen- zusätzlicher Hardware ausgestattet werden. den Bilddaten werden dann durch ein weiteres KI-Sys- tem ausgewertet. Diese Informationen geben Auskunft Für die Detektion, Klassifizierung und Quantifizierung über die Art, Menge und Zusammensetzung des Plas- der Kunststoffabfälle wird künstliche Intelligenz tikmülls. Sie sind für die anschließenden Clean-ups zur genutzt, für die das DFKI als Gesamtprojektleitung Entfernung der Abfälle besonders wichtig“, so Wolf zur eigens einen Algorithmus zur Analyse der Bilddaten Datenverarbeitung.
74 Tholen et al. (2023), S. 7 49
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Zur Auswertung von Bilddaten für die Plastikmülldetektion und -klassifizierung in Küstengebieten kommt im Projekt PlasticObs_plus künstliche Intelligenz zum Einsatz.
Quelle: DFKI
Everwave kann dann vor Ort tätig werden, zum Beispiel tet werden. Auch zur Überwachung von Verboten
mit den eigenen Abfallsammelbooten als Teil der von würde die Methodik nützlich sein, indem ein regelmä-
der Organisation eingesetzten Clean-up-Technologien. ßiges Monitoring Auskunft darüber geben würde, ob
Floehr ist von der Zusammenarbeit mit dem DFKI und beispielsweise nach der Einführung eines Plastiktüten-
dem Mehrwert der Daten überzeugt: „Perspektivisch verbots tatsächlich auch weniger Tüten als vorher im
ein System zur Verfügung zu haben, das so großflächig Wasser schwimmen“, schildert Floehr einige der
arbeitet, vermittelt uns ein besseres Verständnis darü- Einsatzmöglichkeiten.
ber, wo und wann wir tätig werden müssen. Und es gibt
uns natürlich mehr Planungssicherheit, da wir vorab Um die Einsatzmöglichkeiten und generierten Daten
genau abschätzen können, welche Logistik wir für aus Fernerkundungsmethoden für das Monitoring von
unsere Boote und den gesammelten Abfall benötigen. Kunststoffen in der Umwelt bestmöglich überregional
Das spart nicht nur Zeit, sondern vor allem auch Kos- nutzbar zu machen, mahnt Floehr die aus seiner Sicht
ten. Gleichzeitig können wir durch die Auswertung des zwingende Vereinheitlichung von Methoden an: „Exper-
von uns gesammelten Materials dem DFKI gegenüber ten aus Wissenschaft, Industrie, Zivilgesellschaft, staat-
validieren und verifizieren, ob die KI-Analyse richtiglag, lichen Stellen und Luft- und Raumfahrt müssen viel
was wiederum die Aussagekraft des Systems stärkt.“ enger miteinander kooperieren, um Mindeststandards
für eine bessere Vergleichbarkeit von Daten zu schaf-
Gemeinsame Standards für mehr Aussagekraft fen. Denn ohne eine Vergleichsgrundlage sind die Daten
Projekte wie PlasticObs_plus sind vielversprechend, nicht so viel wert, wie sie es eigentlich sein könnten.
wenn es darum geht, lokalen Umweltprojekten, Regie- Wenn wir dorthin kämen, könnte man Daten von Satel-
rungen oder Behörden Informationen über die Verbrei- liten mit denen von Drohnen oder von Flugzeugen und
tungswege, Quellen und Akkumulationsgebiete bereit- sogar mit denen von Handys vergleichen und würde so
zustellen, die für die Ableitung und Implementierung eine viel größere Aussagekraft erzielen.”
von Maßnahmen zur Verhinderung der Verbreitung
beziehungsweise Eintragung von Abfällen in die Dass dies bisher noch eine der größten Herausforderun-
Umwelt nötig sind. „In Verbindung mit Wetterdaten gen darstellt, bestätigte zuletzt auch die Studie „Advan-
oder Angaben zu Fließgeschwindigkeiten von Gewäs- ces in Remote Sensing of Plastic Waste“ der Deutschen
sern können Eintrittspfade identifiziert sowie Vorher- Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ)
sagen über die räumliche und zeitliche Verteilung von und beklagt zugleich den Umstand, dass bei Forschungs-
Plastik gegeben oder saisonale Unterschiede beobach- projekten und Untersuchungen oft sehr unterschiedli-
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che Metriken zur Erkennung, Klassifizierung und Quan- Algorithmen frei verfügbar gemacht werden (Open tifizierung von Abfällen zum Einsatz kommen.75 „An der Source), damit bewährte Datenauswertungsmethoden Interoperabilität unterschiedlicher Datenquellen arbei- möglichst breit Anwendung finden. Gleiches gilt für die ten wir zum Beispiel bereits mit der PREVENT Waste Gewährleistung eines möglichst freien Zugangs zu den Alliance“, erzählt Floehr in diesem Kontext. erhobenen Daten und den daraus gewonnenen Erkenntnissen. Denn nur so können sie ihren Zweck Aufgrund der positiven Resonanz aus internationalen bestmöglich erfüllen: genutzt zu werden, um die Plas- Projekten plädiert Wolf auch dafür, dass beispielsweise tikkrise einzudämmen.
75 Vgl. Blume et al. (2023), S. 39
Alles im Blick
2021 in Kooperation zwischen der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ),
der Universität Leeds, dem Schweizer Wasserforschungsinstitut (Eawag) und der NGO Wasteware
entwickelt, kam das Waste Flow Diagram (WFD) bereits bei über 100 Städten zum Einsatz, um Schät-
zungen über Abfallmengen zu erzielen, die in die Umwelt gelangen, und anhand von Szenarien das
lokale Wastemanagement zu verbessern.76
Der datengesteuerte Ansatz des Tools dient insgesamt vier übergeordneten Zwecken:77
─Schätzung─ der Mengen an Plastik, die in die Umwelt gelangt,
─Konzeption─ von Abfallprojekten, insbesondere zur Vermeidung von Gewässerverschmutzung,
─Überwachung─ der Wirksamkeit von Interventionen im Abfallmanagement,
─Unterstützung─ bei der Entscheidungsfindung zur Planung bzw. Verbesserung der kommunalen
Abfallwirtschaft.
Für die zugrunde liegende Materialflussanalyse wird auf Primär- und Sekundärdaten, Beobachtungen
und Befragungen entlang der verschiedenen Ebenen der kommunalen Abfallwirtschaft zurückgegrif-
fen: Abfallerzeugung, -sammlung, -transport, -verarbeitung und -entsorgung.78
Das WFD bildet im Ergebnis die Gesamtmenge an unkontrollierten Kunststoffabfällen, die unter-
schiedlichen Quellen und Lecks als Ursache für Eintragung von Abfällen in die Umwelt und den End-
verbleib in der Umwelt ab. Zudem ermöglicht das Tool den Vergleich zwischen Kommunen und fördert
somit den Wettbewerb zwischen Städten um ein verbessertes und damit umweltschützendes
Abfallmanagement.79
76 Whiteman, Andrew et al. (2023), S. 6
77 Waste Flow Diagram (o. J.)
78 Whiteman et al. (2023), S. 6
79 Ebd. S. 8
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FLUCHVON Zwischenfazit SEGENEinUND
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Die digitale Ressourcenwende braucht eine belastbare Infrastruktur
Ob die digitale Transformation im Kampf gegen sozioökologische Krisen hilft oder diese sogar verstärkt und beschleunigt, ist noch nicht ausgemacht. So wie künstliche Intelligenz sowohl eine Gefahr als auch eine Chance für die Wissensgesellschaft sein kann, so kann der digitale Fortschritt auch die Ressourcenwende unterstützen – oder sie massiv behindern.
Die Ambivalenz liegt auf der Hand: Produktivitätsstei- Daten-Infrastrukturen zurückzugreifen und sich der- gerungen durch digitale Technologien verleihen weil trotzdem im Wettbewerb zu differenzieren? zunächst einmal dem klassischen, wachstumsgetriebe- nen Wirtschaftsmodell einen zusätzlichen Schub. Ob Technologisch eigentlich kein Problem, sagen die meis- es gelingt, sie auch zu einem mächtigen Werkzeug auf ten Experten. Wirtschaftlich schon eher, denn es ist dem Weg zu einer nachhaltigen Ökonomie zu formen, noch immer schwer, mit Nachhaltigkeit Geld zu verdie- hängt zum einen von politischen Rahmenbedingungen nen. Wer also bezahlt und betreibt digitale Infrastruk- und zum anderen von der Bereitschaft zur Co-Kreation turen, die nicht auf mehr Produktivität, sondern auf aller Beteiligten ab. ressourcenschonendes Wirtschaften ausgelegt sind?
Nicht umsonst hat das Bundesumweltministerium An dieser Stelle kommt die Politik ins Spiel. Sie kann bereits Anfang 2020 eine umweltpolitische Digital und sollte Anreize schaffen, auch dort digitale Infra- agenda80 vorgestellt. In dieser Strategie geht es zwar strukturen für mehr Nachhaltigkeit als ein Gemeingut auch um den Ressourcenverbrauch durch die Digitali- zu etablieren, wo es noch keine tragfähigen Geschäfts- sierung selbst. Immerhin wird die Digitalbranche schon modelle gibt. Das gilt beispielsweise bei Investitionen in bald mehr Treibhausgase emittieren als der gesamte den digitalen Fortschritt im Bereich der Abfallwirt- Autoverkehr. Aber die insgesamt 70 vorgeschlagenen schaft und des Recyclings, aber auch beim Aufbau einer Maßnahmen in dem Ministeriumspapier beschäftigen Mehrweg-Kultur als neue Normalität. sich ebenso mit den Wechselwirkungen zwischen Technologie, Ökologie und Gesellschaft. Auch die Entwickler und Anbieter digitaler Lösungsan- sätze sind zu kooperativem Handeln aufgefordert, wenn Auch in den Expertengesprächen, die wir für diesen der technologische Wandel der Ressourcenwende den POLYPROBLEM-Report geführt haben, kam eine Kern- erhofften Schub geben soll. Es gilt an vielen Stellen, sich aussage immer wieder zum Vorschein: Die „gute“ Digi- auf übergreifende Standards zu einigen, um die zum Teil talisierung – jene also, die einen schonenden Umgang bemerkenswerten Entwicklungen intelligent miteinan- mit Ressourcen unterstützt, ist keine Frage der Techno- der zu verbinden. Eine gemeinsame Architektur anstelle logie. Umso mehr geht es um Haltung. von Insellösungen – diese Forderung tauchte im Verlauf der Recherchen immer wieder auf. Werden Unternehmen bereit sein, Daten miteinander zu teilen, um Produkte entlang der gesamten Wert- Kein überraschender Befund, wenn man bedenkt, dass schöpfungskette umweltfreundlicher zu planen, zu Kreislaufwirtschaft nur im Zusammenwirken aller Glie- designen, zu produzieren, zu verkaufen und zu recy der der Wertschöpfungskette gelingen kann. clen? Wird es möglich sein, dafür auf gemeinsame
80 https://www.bmuv.de/fileadmin/Daten_BMU/Download_ PDF/Digitalisierung/digitalagenda_bf.pdf 53
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POLYPROBLEM: Wissen. Transparenz. Kooperation
POLYPROBLEM ist eine gemeinsame Initiative der gemeinnützigen Röchling Stiftung und
des Beratungsunternehmens Wider Sense. Unter dem gleichnamigen Titel veröffentlich-
ten die Initiatoren 2019 eine Studie, die zu dem ernüchternden Ergebnis kam, dass trotz
des regen öffentlichen Interesses für die fortschreitende Umweltbelastung durch Plastik-
müll eine globale Agenda weiterhin nicht in Sicht ist. Hinzu kommt, dass es nur wenige
Angebote gibt, die kontinuierlich, umfassend und wissenschaftlich fundiert zu diesem
Thema informieren.
In Zusammenarbeit mit Unternehmen, Stiftungen, NGOs, der Wissenschaft und Politik soll
unter dem Dach von POLYPROBLEM diese Lücke geschlossen und die besten Innovatio-
nen für eine plastikabfallfreie Umwelt gefördert werden.
Zweimal jährlich veröffentlicht POLYPROBLEM gemeinsam mit Expertinnen und Experten
aus Wissenschaft und Praxis Reports zu den neusten Entwicklungen und drängendsten
Fragen rund um das Thema „Kunststoff und Umwelt“. Ziel soll es sein, mehr Klarheit,
Transparenz und Orientierung in unübersichtlichen Aktionsfeldern zu bieten, aber auch zu
verblüffenden Fakten oder über bisher unbeleuchtete Aspekte zu informieren.
www.polyproblem.org
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Die Röchling Stiftung widmet sich konzentriert dem Thema Kunststoff und Umwelt. Sie unterstützt sowohl Forschungsprojekte als auch zivilgesellschaftliche Initiativen, die zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Kunststoffen im Sinne einer nach- haltigen Kreislaufwirtschaft beitragen. Die Röchling Stiftung sieht sich dabei nicht als reiner Förderpartner, sondern ist vor allem interessiert am Aufbau neuer sektoren- übergreifender Kooperationen und Netzwerke.
Wie mit diesem Themenkompass initiiert die Stiftung auch eigene Aktivitäten, die zu einem ganzheitlichen Verständnis und zu integrierten Lösungen der globalen Her- ausforderung Kunststoff und Umwelt beitragen.
Die Röchling Stiftung wurde 1990 von der Unternehmerfamilie Röchling errichtet. Die Familie ist auch Eigentümerin der Unternehmensgruppe Röchling, die zu den international führenden Anbietern von Hochleistungs-Kunststoffen für die Auto- mobiltechnik, Industrieanwendungen und Medizintechnik zählt.
www.roechling-stiftung.de info@roechling-stiftung.de
Mit maßgeschneiderter Beratung, von der Recherche über die Strategie bis hin zur Implementierung, unterstützt WIDER SENSE Unternehmen und Stiftungen dabei, sozialen Wandel wirkungsvoll zu gestalten. Seit Mai 2015 ist WIDER SENSE zudem eine zertifizierte B-Corporation. In den letzten Jahren hat WIDER SENSE Fachwissen in den Bereichen CSR, Philanthropie und Sozialinvestitionen generiert und ein globales Netzwerk von strategischen Partnern aufgebaut. Mit seiner inter- nationalen Reichweite und seinem multidisziplinären Team hat WIDER SENSE mit mehr als 100 Kunden an Projekten in über 30 Ländern zusammengearbeitet, wel- che direkten Einfluss auf Fonds für sozialen Wandel in einer Höhe von mehr als 100 Mio. EUR haben.
https://widersense.org info@widersense.org
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Links zu genannten Organisationen
Organisation Abk. Link
Alliance to End Plastic Waste https://endplasticwaste.org/
Ampliphi https://ampliphi.io/
Berliner Stadtreinigung BSR https://www.bsr.de/
Bin-e https://www.bine.world/
Bower https://getbower.com/
BVRio https://www.bvrio.org/
Circular Action Hub https://www.circularactionhub.org/
Cirplus https://www.cirplus.com/
circularise https://www.circularise.com/
CleanHub https://www.cleanhub.com/
Cm carbon minds https://www.carbon-minds.com/
Cyrkl https://cyrkl.com/de
dm Drogeriemärkte https://www.dm.de/
Deutsches Forschungszentrum für
Künstliche Intelligenz DFKI https://www.dfki.de/
Duitin https://duitin.id/
Ecoinvent https://ecoinvent.org/
EcoNation https://econation.me/
Ellen MacArthur Foundation https://ellenmacarthurfoundation.org
European Brands Association AIM https://www.aim.be/
everwave https://everwave.de/
German Institute of Development and
Sustainability IDOS https://www.idos-research.de/
Gesellschaft für Internationale
Zusammenarbeit GIZ https://www.giz.de/de/
Grüner Punkt https://www.gruener-punkt.de/
Henkel https://www.henkel.de/
Institut für Kunststoff- und Kreislauftechnik,
Leibniz Universität Hannover https://www.ikk.uni-hannover.de/
Ishitva Robotic Systems https://ishitva.in/
Kunststoff Forschungszentrum SKZ https://www.skz.de/
Küste gegen Plastik e. V./ReplacePlastic https://app.replaceplastic.de/
Litterati https://www.litterati.org/
Marine Debris Tracker https://debristracker.org/
My little Plastic Footprint https://www.mylittleplasticfootprint.org/
Octopus https://octopus.co.id/id
Pakam https://www.pakam.ng/
Plastic Bank https://plasticbank.com
Polysecure https://www.polysecure.eu
PREVENT Waste Alliance https://prevent-waste.net/en/
ProData GmbH / R-Cycle https://www.r-cycle.org/
RecycleMich https://www.recyclemich.at/
Reciclos https://www.reciclos.com/en/
Recup https://recup.de/
recyda https://www.recyda.com/
Recykal https://recykal.com/
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PDF-Seite 57
Organisation Abk. Link ReDo https://redo-please.com/das-projekt ReFrastructure https://refrastructure.org/ Resourcify https://www.resourcify.com/de/ SAP https://www.sap.com/ Saubermacher Dienstleistung AG https://saubermacher.at/ Scrapp https://www.scrapprecycling.com/ Sphera https://sphera.com/ Umweltbundesamt https://www.umweltbundesamt.de/ Unwaste.io LTD https://www.unwaste.io/ Veca https://www.veca.app/home Vytal https://www.vytal.org/ Wastebase https://wastebase.org/ Waste4Change https://waste4change.com/
Quellenverzeichnis
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Interviews wurden mit folgenden Personen geführt:
Bin-e, Jakub Luboński, Mitgründer und Geschäftsführer Circular Action B.V., Thierry Sanders, Geschäftsführer cirplus, Christian Schiller, Gründer und Geschäftsführer CleanHub, Joel Tasche, Mitgründer und Geschäftsführer Der Grüne Punkt – Duales System Deutschland GmbH, Dr. Markus Helftewes, Geschäftsführer Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI), Mattis Wolf, Wissenschaftler dm Drogeriemärkte, Dagmar Glatz, Bereich Nachhaltigkeit und Verpackungen everwave, Dr. Tilman Floehr, Mitgründer und Technikchef Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), Ellen Gunsilius, Fachplanerin für Umwelt und Kreislaufwirtschaft; Steffen Blume, Projektmanager zur Verringerung der Eintragung von Plastikmüll in die Weltmeere Henkel, Carsten Bertram, Leiter Bereich Packaging Sustainability Kunststoff-Zentrum SKZ, Dr. Hermann Achenbach, Bereichsleiter Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft; Christoph Kugler, Gruppenleiter Digitalisierung Küste gegen Plastik e. V., Jennifer Timrott, Vorstandsmitglied Leibniz Universität Hannover, Prof. Dr.-Ing. Hans-Josef Endres, Geschäftsführender Leiter des Instituts für Kunststoff- und Kreislauftechnik Plastic Bank, Peter Nitschke, Globaler Direktor für Community Partnerschaften Polysecure, Jochen Mößlein, Gründer und Geschäftsführer ProData GmbH, Heino Claussen-Markefka, Geschäftsführer RecycleMich, Stefan Siegl, Initiator ReFrastructure – Stiftung für digitale Mehrweginfrastruktur gGmbH, Markus Urff, Geschäftsführer Resourcify GmbH, Meike Lessau, Circularity Managerin SAP, Katharina Schweitzer, Consultant for Circular Economy Solutions VYTAL Global GmbH, Dr. Fabian Barthel, Geschäftsführer
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