Herausgeber: Röchling Stiftung / POLYPROBLEM Ausgabe: Juli 2025 Originalquelle: https://polyproblem.org/wp-content/uploads/Polyproblem-%E2%80%93-Die-Kluft-im-Kopf-3.pdf Lokale PDF: Polyproblem-–-Die-Kluft-im-Kopf-3.pdf Umfang: 40 PDF-Seiten Status: Vollständige maschinelle Textextraktion aller PDF-Seiten (kein redaktionell geprüfter Volltext). Hinweis: Mehrspaltige Layouts, Tabellen, Fußnoten, Sonderzeichen und Grafiken können fehlerhaft bzw. unvollständig extrahiert werden. Die Original-PDF ist maßgeblich.

Inhaltsübersicht (Originalseite 2)

INHALT
 
WARUM „EINFACH MACHEN“ NUR ZUSAMMEN GEHT                3
EMPÖRUNG EINUNDNEUNZIG, WIRKUNG NULL?
Die Gemütslage in Zahlen                                                           4
 
Die sechs Hebel                                                                 5
 
REINE KOPFSACHE                                                       6
Weshalb Überzeugungen allein noch keinen Wandel ermöglichen
 
NACHHALTIGE ENTSCHEIDUNGEN BRAUCHEN NACHHALTIGE STRUKTUREN
Der Ökonom Tim Jackson beschreibt Bedingungen für Verhaltensänderungen                         7
 
WIE DAS VERHALTEN DIE ÜBERZEUGUNGEN VERRÄT
Der Verhaltensforscher Philipe Bujold erklärt unser widersprüchliches Handeln                       12
 
DAS (UN)MÜNDIGE LEBEN                                              14
Der schwere Weg vom Konsumieren zum Gestalten
 
STARK GEFEIERT, SCHWACH GENUTZT
Mehrweg und Unverpackt im konventionellen Einzelhandel                                    15
 
FAKTEN STATT APPELLE
Wie die Energie-Sparberatung co2-online Leute ins Handeln bringt                               18
 
„MAN MUSS AUCH MAL MORALISCH SANKTIONIEREN“
Was Benedict Wermter vom Journalisten zum Bildungsstifter machte                             20
 
„WIR MÜSSEN DIESEN WANDEL SCHAFFEN, AUCH WENN ER UNBEQUEM IST“
Interview mit „Original Unverpackt“-Chefin Katharina Richter                                   22
 
ALLE ZUSAMMEN…
… ODER JEDER FÜR SICH?                                              24
Wandel als kollektive Verantwortung
 
WIE WIR IN DER EINWEG-FALLE STECKENBLEIBEN
Gesetz ohne Wirkung                                                             25
 
„ZEIGEN, DASS ENGAGEMENT SICH LOHNT“
Interview mit René Bethmann, Innovationsmanager beim ­Outdoor-Ausrüster VAUDE und Dr. Hyewon
Seo, Expertin für nachhaltigen Konsum beim Umweltbundesamt                                 28
 
DER STEINIGE WEG VON DER ­ABSICHTSERKLÄRUNG ZUM ­GEMEINSAMEN HANDELN
Das globale Plastikabkommen                                                       32
 
POLYPROBLEM: Wissen. Transparenz. Kooperation                                         36
Die Initiatoren im Portrait                                                          37
Endnoten                                                                     38
Links zu den genannten Organisationen und Personen                                       38
Quellenverzeichnis                                                               39

PDF-Seite 1

IM zwischen KLUFTschwimmt kmüll PlastiDIE Wirklichkeit und WertenKOPF


PDF-Seite 2

INHALT

WARUM „EINFACH MACHEN“ NUR ZUSAMMEN GEHT 3 EMPÖRUNG EINUNDNEUNZIG, WIRKUNG NULL? Die Gemütslage in Zahlen 4

Die sechs Hebel 5

REINE KOPFSACHE 6 Weshalb Überzeugungen allein noch keinen Wandel ermöglichen

NACHHALTIGE ENTSCHEIDUNGEN BRAUCHEN NACHHALTIGE STRUKTUREN Der Ökonom Tim Jackson beschreibt Bedingungen für Verhaltensänderungen 7

WIE DAS VERHALTEN DIE ÜBERZEUGUNGEN VERRÄT Der Verhaltensforscher Philipe Bujold erklärt unser widersprüchliches Handeln 12

DAS (UN)MÜNDIGE LEBEN 14 Der schwere Weg vom Konsumieren zum Gestalten

STARK GEFEIERT, SCHWACH GENUTZT Mehrweg und Unverpackt im konventionellen Einzelhandel 15

FAKTEN STATT APPELLE Wie die Energie-Sparberatung co2-online Leute ins Handeln bringt 18

„MAN MUSS AUCH MAL MORALISCH SANKTIONIEREN“ Was Benedict Wermter vom Journalisten zum Bildungsstifter machte 20

„WIR MÜSSEN DIESEN WANDEL SCHAFFEN, AUCH WENN ER UNBEQUEM IST“ Interview mit „Original Unverpackt“-Chefin Katharina Richter 22

ALLE ZUSAMMEN… … ODER JEDER FÜR SICH? 24 Wandel als kollektive Verantwortung

WIE WIR IN DER EINWEG-FALLE STECKENBLEIBEN Gesetz ohne Wirkung 25

„ZEIGEN, DASS ENGAGEMENT SICH LOHNT“ Interview mit René Bethmann, Innovationsmanager beim ­Outdoor-Ausrüster VAUDE und Dr. Hyewon Seo, Expertin für nachhaltigen Konsum beim Umweltbundesamt 28

DER STEINIGE WEG VON DER ­ABSICHTSERKLÄRUNG ZUM ­GEMEINSAMEN HANDELN Das globale Plastikabkommen 32

POLYPROBLEM: Wissen. Transparenz. Kooperation 36 Die Initiatoren im Portrait 37 Endnoten 38 Links zu den genannten Organisationen und Personen 38 Quellenverzeichnis 39


PDF-Seite 3

WARUM „EINFACH MACHEN“ NUR ZUSAMMEN GEHT

 Deine Gewohnheiten sind Dir wichtiger als die Zukunft Deiner Kinder.

   Das klingt hart, vorwurfsvoll, unversöhnlich … und ist   dung – und desto weniger ist diese Überwindung bloß
    deshalb wohl kein geeigneter Beitrag zu einer konstruk-    eine  Frage  finanzieller  Ressourcen. Anders  ausge-
    tiven Debatte. Andererseits ist es unbestreitbar: Die    drückt: Mit Geld und guten Geschäftsideen allein lässt
    sozialökologische Transformation stockt auch deshalb,    sich die Wende zum nachhaltigen Leben und Wirt-
    weil die diffuse Angst vor veränderten Lebensweisen in    schaften sicher nicht bewerkstelligen. Voraussetzung
    der Gegenwart oft stärker zu sein scheint als die Sorge      ist die Bereitschaft zur tatkräftigen Veränderung.
    vor viel drastischeren Veränderungen in der Zukunft.
                                                    Wir wollten wissen, was den Wandel hin zu einer Circular
   Der Blick auf die politische Großwetterlage scheint    Society tatsächlich behindert und wie sich die Wechsel-
    diese These zu bestätigen. Populisten sind auch deshalb    wirkung zwischen Psychologie und Ökonomie bei dieser
    auf dem Vormarsch, weil sie die Illusion einer Zukunft    globalen Herausforderung gestaltet. Darüber haben
   ohne Wandel versprechen –  bis hin zum Leugnen    wir  mit  international  führenden  Expertinnen und
     ­wissenschaftlicher Fakten. Und wer es als Regierender    Experten gesprochen. Mit Verhaltensforschern und
    wagt, ökologischen Krisen mit regulatorischen Eingriffen    Unternehmern. Mit Politikbegleitern und Projektma-
   zu begegnen, muss die nächsten Wahlen fürchten.        chern. Mit Ökonomen und Aktivisten.

  Warum fällt es so schwer, gesicherte Erkenntnisse und    Im Kern standen dabei immer zwei Fragen. Welche
    die daraus gewonnenen Überzeugungen in konkretes   Hürden stehen im Weg, wenn es um den Schritt vom
   Handeln zu übersetzen? Warum tun wir oft nicht, was    Wissen zum konkreten Handeln geht? Und was muss
    wir für nötig halten?                                   geschehen, um  diese Hürden  aus dem Weg  zu
                                                    räumen?
   Der Kampf gegen den Plastikmüll und damit der not-
   wendige Wandel von einem linearen in ein zirkuläres   Grob zusammengefasstes Ergebnis: Neue Narrative,
    Wirtschaftsmodell veranschaulicht  deutlich, dass es     intelligent gesetzte Anreize und geschickte Regulierun-
     sich beim Intention-Behavior-Gap, also der Lücke zwi-    gen können helfen, die Lücke zwischen Wissen und
   schen Überzeugung und Handeln, nicht allein um ein    Handeln zu überwinden – allerdings nur in kluger Kom-
    psychologisches Phänomen auf der individuellen Ebene    bination und Abstimmung zueinander.
    handelt. Es ist auch ein systemisches Problem.
                                            Den Intention-Behavior-Gap zu schließen,  ist keine
    Je effizienter, je optimierter, je skalierter Systeme ent-     individuelle  Entscheidung.  Es   ist  eine  kollektive
    wickelt sind, desto mehr Kraft erfordert ihre Überwin-    Verantwortung.

Herausgeber Redaktion & Text Fotos Röchling Stiftung GmbH Wider Sense GmbH Marius Ehrlinspiel, Adobe Stock, Project Together – Marlene Charlotte Richard-Wagner-Straße 9 Pfalzburger Str. 43-44 Anna Balzereit (WIDER SENSE), Limburg, Marko Bußmann, Marc Beckmann, WWF 68165 Mannheim 10717 Berlin Uwe Amrhein (Röchling Stiftung), Deutschland, Philipe Bujold, Südwesttextil 2024, +49 621 4402 232 +49 30 24088 240 Nicole Bendsen Leonard Bendix, VAUDE info@roechling-stiftung.de info@widersense.org Juli 2025www.roechling-stiftung.de www.widersense.org Gestaltung ds.DTP – Detlef Scholz www.polyproblem.org

                                                                                               3

PDF-Seite 4

Die Gemütslage in Zahlen EMPÖRUNG EINUNDNEUNZIG, WIRKUNG NULL?

    Eigentlich dürfte der Kampf gegen den Kunststoffabfall in der Umwelt an Vehemenz und
   persönlichem Einsatz kaum zu überbieten sein. Das legen Zahlen aus mehreren Studien
   nahe. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus.

      Fast 400 Millionen Tonnen Plastikmüll werden weltweit     plastik.7 Die Verantwortung für die Reduzierung sehen
      jedes Jahr produziert. Ohne Gegenmaßnahmen könnte    Deutsche gleichmäßig verteilt bei Unternehmen, Regie-
      sich die Menge bis 2040 nahezu verdoppeln.1            rungen und sich selbst als Verbrauchenden.8

    Das Problembewusstsein dafür wächst in der Bevölke-   Wenn so viel Handlungsbereitschaft da ist, wieso gehen
      rung. In einer Studie des Umweltbundesamtes aus dem    die Wissenschaftler dann weiterhin von wachsenden
      Jahr 2022 gaben 63 Prozent der Befragten in Deutsch-    Plastikmüllbergen aus?
      land an, gut oder sehr gut über Plastikmüll in der Umwelt
      informiert zu sein.2 Die Einordnung des Problems fällt    Auf politischer Ebene werden aktuell verschiedene
    noch deutlicher aus: 93 Prozent der Befragten empfin-    gesetzliche Rahmenbedingungen  diskutiert, die den
    den Plastikeinträge in die Natur als bedrohlich, und 91    Plastikverbrauch verändern  sollen: Es laufen  inter­
     Prozent äußerten Empörung über menschengemachte    nationale Verhandlungen zu einem globalen Plastik­
    Umweltprobleme wie das Plastik in den Weltmeeren.3    abkommen, das eine international rechtlich verbindli-
                                                      che Grundlage für den Umgang mit Plastik schaffen
    Dementsprechend sehen es auch 72 Prozent der Deut-      soll.9 Auch die Europäische Union arbeitet an neuen
     schen als sehr wichtig an, der Wegwerfmentalität ent-    Ansätzen, etwa einer Verpflichtung zum digitalen Pro-
     gegenzuwirken, Materialien länger zu nutzen und mehr    duktpass, der für mehr Transparenz und Nachhaltigkeit
     zu recyceln.4 In einer weiteren Studie zeigten sich 71     in der Lieferkette sorgen soll, der Green Claims Directive
     Prozent der Befragten überzeugt, dass in Deutschland    (EU 2024/825) zur Reduktion von Greenwashing oder der
     zu viel Einwegplastik verwendet wird.5                      bereits im Februar 2025 in Kraft getretenen Packaging
                                                       and Packaging Waste Regulation (PPWR).10, 11, 12
    Auch an der Überzeugung, dass eine Verhaltensände-
     rung in der Nutzung von Plastik nötig ist, mangelt es     In Deutschland gilt bereits seit dem Januar 2023 eine
       nicht: 50 Prozent der Befragten sind der Meinung, dass    Mehrweg-Angebotspflicht für gastronomische Betriebe,
     Deutschland die Nutzung von Einwegplastik reduzieren    die Speisen und Getränke zum Mitnehmen verkaufen.
        sollte. 31 Prozent fordern einen vollständigen Verzicht   Doch die bisherigen Zahlen zeigen: Die Wirkung der
     auf Einwegplastik.6 Auf globaler Ebene unterstützen   Maßnahmen bleibt überschaubar. Die aktuellen gesetz-
     sogar 75 Prozent der Befragten ein Verbot von Einweg-    lichen Regelungen allein reichen offenbar nicht aus, um

4


PDF-Seite 5

Die sechs Hebel

                                                   Die Kluft zwischen Überzeugung und Handeln
                                                       bedingt  sich durch psychologische,  soziale
                                              und  strukturelle Faktoren.  Folglich  gibt es
                                                             nicht „den“ einen Weg, um sie zu überwinden.

eine spürbare Verhaltensänderung zu Wissenschaftlich fundiert hat das Rare – Center bewirken – trotz der erklärten Absicht vie- for Behavior & the Environment sechs evidenz- ler Verbraucherinnen und ­Verbraucher, basierte Strategien beschrieben, mit denen weniger Plastik nutzen zu wollen. Die Crux: sich Verhalten ändern lässt14: Auch verbesserte Angebote zeigten bisher nicht die Wirkung, die anhand des nachge- wiesenen Problembewusstseins zu erwar- • Soziale Einflüsse ten gewesen wäre.

Während das Konzept der verpackungs- • Emotionale Ansprache freien Supermärkte in den vergangenen Jahren als Hoffnungsträger einer nachhalti- gen Konsumkultur galt und vor allem in • Information und Transparenz Großstädten rasch wuchs, scheint der Boom inzwischen vorbei zu sein. Laut aktu- ellen Zahlen gab es im Jahr 2024 zuletzt • Regeln & Gesetze 235 Unverpackt-Läden – ein Rückgang um 17,5 % im Vergleich zum Vorjahr.13 Auch im Einzelhandel laufen verpackungsfreie Pro- • Materielle Anreize dukte nicht so gut, wie die begeisterten Aussagen vermuten lassen würden. • Entscheidungsarchitektur Trotz ausgeprägten Problembewusstseins und der scheinbar weitverbreiteten Bereit- schaft, Einwegplastik zu reduzieren, werden Entscheidungsarchitektur meint die Gestal- bestehende Angebote bislang dennoch tung eines Umfeldes, das für Entscheidungen individuell schlecht angenommen. Auch relevant ist – beispielsweise die einfache und eine systemische Veränderung in der Wirt- preiswerte Verfügbarkeit ökologisch sinnvoller schaft oder tiefergehende politische Leit­ Alternativen beim Einkauf. linien stehen noch aus. Keiner dieser Hebel wirkt allein. Entscheidend Hier wird das volle Ausmaß des Intention- ist deren Kombination und wechselseitige Behavior-Gaps sichtbar. Verstärkung.

                                                                                        5

PDF-Seite 6

allein KOPF-Überzeugungen Weshalb ermöglichen WandelREINE keinen nochSACHE

  6

PDF-Seite 7

Der Ökonom Tim Jackson beschreibt Bedingungen für Verhaltensänderungen NACHHALTIGE ENTSCHEIDUNGEN BRAUCHEN NACHHALTIGE STRUKTUREN

Nicole Bendsen sprach mit dem weltweit renommierten Forscher und Autor über Ver- antwortung im Spannungsfeld zwischen der individuellen und der systemischen Ebene.

Prof. Jackson, Sie arbeiten seit mehr als 30 Jahren im steigenden Gesamtmaterialverbrauch. Diese beiden Bereich der Kreislaufwirtschaft. Warum erhöhen wir gegenläufigen Dynamiken bleiben bestehen – und immer noch den Druck auf den Planeten, anstatt ihn zu ­prägen die Realität jeder Diskussion über nachhaltiges reduzieren? Wirtschaften.

Es wird Sie kaum überraschen, dass ich der Ansicht bin, Das ist die Perspektive des Wirtschaftssystems. dass dies in erster Linie mit unserem derzeitigen Wirt- Welche Rolle spielen dabei die Einzelnen? schaftsmodell zusammenhängt. Wenn wir über Kreislauf- wirtschaft im Sinne einer Entkopplung von Wachstum Ich habe mich vor etwa 20 Jahren im Auftrag des und Ressourcenverbrauch sprechen, dann betrachten ­britischen Umweltministeriums intensiv mit dieser wir sie im Grunde immer als ein Wettrennen zwischen Frage beschäftigt. Eines wurde dabei sehr deutlich – Effizienzsteigerung und Wachstumsdynamik. und das ist mir wichtig, gleich zu Beginn zu sagen: Man kann die Verantwortung nicht einfach auf Einzelper- Die Steigerung der Ressourceneffizienz – also die sonen abwälzen. Reduktion des Materialdurchsatzes – kann für Unter- nehmen vorteilhaft sein, solange dieser Durchsatz Kos- Es ist ein Paradox: Auf individueller Ebene sind Verän- ten verursacht. Weniger Materialeinsatz bedeutet nied- derungen durchaus möglich. Mit etwas Engagement rigere Kosten und somit höhere Gewinnmargen. Doch lässt sich das eigene Verhalten anpassen. Doch auf dabei darf man nicht vergessen: Was für das eine Unter- gesellschaftlicher Ebene kann man nicht erwarten, dass nehmen ein Kostenfaktor ist, stellt für ein anderes eine alle diesen Weg gehen, solange das wirtschaftliche Einnahmequelle dar. Jeder Materialinput, der nicht ­System weiterhin in eine entgegengesetzte Richtung mehr nachgefragt wird, bedeutet für das produzie- steuert. Gerade diese übergeordnete Systemstruktur rende Unternehmen einen Verlust an Output – genau ist einer der Hauptgründe für die Diskrepanz zwischen hier entsteht ein systemischer Druck aus der Einstellung und Verhalten. Materialproduktion. Lassen Sie uns das aufschlüsseln: Welche ökonomi- Ein zweiter, ebenso entscheidender Druck ergibt sich schen Kräfte steuern individuelles Verhalten? aus dem Zwang zum Wirtschaftswachstum insgesamt. Solange Unternehmen auf Wachstum ausgerichtet Es ist manchmal günstiger, das Richtige zu tun – aber in sind, müssen sie sicherstellen, dass die Effizienzsteige- den meisten Fällen ist es teurer, und man zahlt am Ende rung – also die Reduktion des Materialeinsatzes pro einen Aufpreis. Besonders für Menschen in einkommens- Einheit – schneller voranschreitet als die Steigerung der schwachen Haushalten ist es eine erhebliche Hürde, für Gesamtproduktion. Doch selbst wenn der Material­ nachhaltiges Verhalten mehr zu bezahlen. Das ist eine verbrauch pro Produkteinheit sinkt, führt eine insge- Herausforderung, die Regierungen ernst nehmen müs- samt gesteigerte Produktion oft zu einem weiterhin sen. Es gibt sicherlich Einzelne, die bereit sind, diesen

                                                                                        7

PDF-Seite 8

Aufpreis zu zahlen – aber die Faktenlage ist eindeutig: Erfolgreiche Verhaltensänderungen gelingen oft in Ohne die richtigen wirtschaftlichen Rahmenbedingungen ­kleinen Gruppen, die gemeinsam ihr Verhalten – etwa wird es nicht gelingen, breite Bevölkerungsschichten zu den materiellen Fußabdruck – reflektieren und so das einem grundlegenden Wandel zu bewegen. Verhalten aus dem Unterbewusstsein ins Bewusstsein holen. Ohne ausreichende institutionelle und staatli- Wie sieht es mit Gewohnheiten aus? Sind sie stärker als che Unterstützung ist man jedoch weiterhin darauf unser Verantwortungsgefühl? angewiesen, dass Menschen „bezahlen“ – in diesem Fall mit Zeit und geistiger Anstrengung –, um das Rich- Gewohnheiten spielen eine zentrale Rolle in unserer tige zu tun. Es gibt Hinweise darauf, dass die kognitive Sozialpsychologie, denn sie ermöglichen es uns, kogni- Dissonanz geringer ist, wenn Menschen im Einklang tive Ressourcen zu sparen und uns auf die wirklich wich- mit ihren eigenen Werten handeln. Dennoch kann man tigen Dinge zu konzentrieren. Die meisten unserer sich nicht allein darauf verlassen oder diesen Mecha- Handlungen im Umgang mit materiellen Dingen laufen nismus ohne ausreichende Unterstützung großflächig unbewusst ab – wir treffen nicht bei jedem Öffnen einer als Veränderungsinstrument nutzen. Milchflasche eine bewusste Entscheidung. Diese Fähig- keit, Entscheidungen auf eine unterbewusste Ebene zu Die Welt wird immer komplexer. Haben wir den verlagern, ist ein evolutionärer Vorteil – und eine wich- ­Glauben an unsere Wirksamkeit verloren, weil wir uns tige Erkenntnis, wenn es darum geht, Verhaltensände- überfordert fühlen? rungen im Umgang mit Materialien zu bewirken. Ich halte das für zutreffend und sehe darin auch einen Diese psychologische Einsicht geht zurück auf Kurt Wertekonflikt: Es gibt Menschen, die wollen, dass ihr Lewins Feldtheorie, der sagte: Um Verhalten zu verändern, Leben einen positiven Einfluss hat. Neben der muss man zunächst bestehende Verhaltensmuster „auf- ­Zerbrechlichkeit dieser Werte angesichts kognitiver tauen“, die in Gewohnheiten fest verankert sind, dann die und wirtschaftlicher Widerstände existieren konkurrie- Veränderung herbeiführen und schließlich das neue Ver- rende Werte – innerhalb einer Person, in anderen halten „wieder einfrieren“, sodass daraus neue Gewohn- ­Menschen, in verschiedenen Bevölkerungsgruppen heiten entstehen. Das ist keine einfache Aufgabe. oder sogar innerhalb von Regierungen.

8


PDF-Seite 9

Somit ist dies eine zutiefst politische Frage. In einer nen – unter denen es einfach und überhaupt möglich Welt, in der wir zunehmend davon überzeugt werden, ist, das Richtige zu tun. Es darf nicht davon abhängen, dass unsere Sicherheit und die unserer Kinder bedroht wie viel wirtschaftliche oder kognitive Ressourcen Ein- ist, neigen wir dazu, bestimmte Werte, etwa den Ver- zelne zur Verfügung haben. Ein schönes Beispiel aus zicht auf Einwegplastik, zu vernachlässigen. Wenn den USA zeigt, wie die soziale Norm der Mülltrennung ­Klimaschutz aus politischen Gründen instrumentalisiert durch die Einführung kommunaler Recyclingprogramme wird, kann er schnell Teil von Klassen- oder Kultur- entstand. Die bestehenden Strukturen erleichterten es kämpfen werden. Ohne klare Führung und konse- den Menschen, das Richtige zu tun. quente Kommunikation seitens der Regierungen wird Nachhaltigkeit schnell als Heuchelei wahrgenommen, Sind Strukturen immer die Voraussetzung für soziale und man verliert das Vertrauen der Menschen, deren Normen? Verhalten man verändern möchte. Es geht auch in anderer Reihenfolge. Ein Beispiel dafür Die Kehrseite ist: Gerade der öffentliche Sektor, der ist, wie David Attenboroughs Dokumentation das über umfangreiche Beschaffungsprogramme verfügt, Thema Einwegplastik plötzlich ins öffentliche Bewusst- hat die Möglichkeit, mit gutem Beispiel voranzugehen. sein rückte und viele Menschen im Vereinigten König- reich motivierte, aktiv zu werden. Die anschließende Welche Anreize können dabei helfen, das Richtige zu Gesetzgebung gegen Einwegplastik entstand aus dem tun? Druck der Bevölkerung – die Veränderung der sozialen Normen ging hier also der Schaffung entsprechender Soziale Normen, die unser Verhalten prägen, entstehen Strukturen voraus. aus Strukturen. Im Grunde geht es darum, Strukturen zu schaffen, die Menschen benötigen, um ihr Verhalten Man muss beide Strategien im Blick haben: zum einen verändern zu können. Das kann Lewins Konzept des die Veränderung sozialer Normen durch wertebasierte „Auftauens“ sein oder eine tiefgreifende Veränderung Impulse, zum anderen die Schaffung ausreichender der institutionellen Rahmenbedingungen. Man muss Strukturen, um diese Normen zu verankern und dauer- Bedingungen schaffen, unter denen Menschen gewin- haft aufrechtzuerhalten.

                                                                                        9

PDF-Seite 10

Manchmal gibt es Strukturen und Regulierungen, und sumentscheidung: „Wir bieten es ja an, aber die Leute dennoch nutzen die Menschen bestehende Systeme, nutzen es nicht.“ Das ist ein weit verbreitetes unterneh- wie das Mehrwegsystem, nicht. Warum? merisches Argument, das letztlich dem Ziel dient, ­Risiken zu minimieren. Wenig zu tun kann manchmal schädlicher sein, als gar nichts zu tun. Wenn man Menschen ein nachhaltiges Welche Rolle können Unternehmen dabei spielen, uns Produkt als mögliche Alternative anbietet, diese aber zu einem nachhaltigeren Verhalten zu bewegen? wirtschaftlich, kognitiv oder wertemäßig noch nicht ausreichend für diese Entscheidung gerüstet sind und Die Industrie könnte aufhören, unseren Kindern über- das Angebot halbherzig erfolgt, ist es unrealistisch, flüssige Produkte zu verkaufen und sie mit Merchandi- Verhaltensänderungen zu erwarten. sing zu überhäufen. Statt sie frühzeitig zu Konsumenten zu erziehen, sollten sie Verantwortung übernehmen. Das Prinzip „Reduzieren, Wiederverwenden, Recyceln“ Denn die Realität wird durch gezielte Strategien ver- kennen wir nun seit 30 Jahren. Trotzdem sind die leichte- schleiert: Produkte werden so gestaltet, dass sie auf ren Lösungen oft technische, wie etwa der Ersatz von neuropsychologischer Ebene besonders ansprechend Plastik durch Papier. Das mögen Kostenmanager zwar wirken – selbst wenn sie ungesund sind, die Umwelt befürworten, doch es ist ein sehr zurückhaltender Ansatz, belasten oder durch massive Werbekampagnen aggres- wenn es darum geht, echten Wandel zu bewirken. siv vermarktet werden, um ein bestimmtes Konsumver- halten zu erzeugen. Was wir eigentlich wollen, ist, dass weniger Einweg­ becher verkauft werden und dass Strukturen entste- Es gibt zahlreiche Rechtfertigungen für schädliches hen, durch die Menschen ihre eigenen Becher wieder- Verhalten, viel Widerstand gegenüber nachhaltigen verwenden können. Doch je weiter man die Alternativen und starke Lobbyarbeit gegen gesetzliche Wertschöpfungskette hinaufgeht, desto schwerer wird Regelungen, die umweltfreundliches Verhalten zur es, Profitquellen zu erkennen. Die Neugestaltung und gesellschaftlichen Norm machen würden. Auf der ande- Wiederverwendung von Produkten erfordert erhebliche ren Seite gilt: Für Unternehmen, die wirklich nachhaltig Investitionen – etwas, das man von kleinen Unter­ handeln wollen, spielen die ökonomischen Rahmen­ nehmen nicht erwarten kann. Es gibt viele innovative bedingungen eine zentrale Rolle. Hier kommt man Designlösungen, aber diese müssen durch staatliche schnell auf die Ebene der Makroökonomie. Viele zirku- Unterstützung gefördert werden. läre Lösungen sind zeitaufwendiger – sie erfordern Fachwissen, den Rücklauf von Materialien, Neugestal- Wie wichtig ist Bequemlichkeit – zum Beispiel bei tung und Reparatur. Mehrwegsystemen? All das steht im Widerspruch zum klassischen Prinzip Damit sind wir wieder beim Thema kognitiver Aufwand des Produktivitätswachstums durch Arbeitszeitverkür- – ein Aspekt, der oft unterschätzt wird. Es ist für Unter- zung – also genau dem Prinzip, auf dem unser wirt- nehmen ein potenzielles Risiko, ein Produkt zu verän- schaftliches Wachstumsmodell beruht. Deshalb sind dern, das aktuell gut funktioniert. Um dieses Risiko zu solche Lösungen in wachstumsorientierten Gesell- vermeiden, gestalten manche Unternehmen die schaften oft nicht attraktiv. Dabei könnten Regierungen ­Nutzung von Einwegbechern bewusst einfacher als die gegensteuern – etwa durch politische Maßnahmen, die der Mehrwegoptionen – und untergraben damit die Arbeit günstiger und Ressourcen teurer machen. Das eigentlichen Anreize zur Wiederverwendung. würde Unternehmen ermutigen, nachhaltigere, kreis- ­Anschließend berufen sie sich auf die sogenannte Kon- lauforientierte Lösungen umzusetzen.

10


PDF-Seite 11

… sonst muss Nachhaltigkeit immer teurer sein? gen Verhalten zu überzeugen, hin zu einem systemi- schen Blick auf Strukturen und Gerechtigkeit. Ein teureres Produkt, das dafür langlebiger ist, wird immer eine bestimmte Käuferschicht ansprechen – Wenn man die aktuelle geopolitische Lage betrachtet, aber eben nicht die gesamte Bevölkerung. Deshalb steht der Umweltschutz nicht ganz oben auf der muss man sich die tieferliegenden Ursachen ansehen, Agenda. Wie zuversichtlich sind Sie, dass es unter die- warum viele Menschen sich qualitativ hochwertige, sen Bedingungen dennoch zu einem Wandel hin zu nachhaltige Produkte nicht leisten können. Es geht um nachhaltigerem Verhalten kommt? die sozialen Bedingungen, die unser Verhalten prägen, um Ungleichheiten – und um Mechanismen, die es Zwar scheint es manchmal, als würden wir Rückschritte gerade einkommensschwachen Haushalten ermögli- machen, doch Veränderungen können sehr schnell und chen, das Richtige zu tun. unerwartet eintreten. Kürzlich hat sich vieles in eine scheinbar falsche Richtung entwickelt, indem Umwelt- Aktuell erleben wir eine Art „falsche Ökonomie“: Indem fragen für politische Kulturkämpfe und wirtschaftliche Menschen in Konsummuster gedrängt werden, die lang- Vorteile einzelner Gruppen missbraucht wurden. Trotz- fristig nicht nachhaltig sind, entstehen enorme soziale dem bin ich zuversichtlich, dass sich positive Entwick- und ökologische Folgekosten. Umso stärker ist das Argu- lungen einstellen werden. Wir wissen nicht genau, wel- ment, einkommensschwächeren Haushalten gezielt den che Hürden noch vor uns liegen oder wie lange der Zugang zu guten, nachhaltigen Produkten zu erleichtern. Weg sein wird. Deshalb ist es entscheidend, weiter Dafür braucht es allerdings ein Umdenken – weg von der konsequent den richtigen Kurs zu verfolgen – auch Vorstellung, dass es nur darum geht, ­Einzelne vom richti- wenn der Erfolg nicht sicher ist.

                                                         Prof. Tim Jackson ist ein führender Vertreter der ökologi-
                                               schen Ökonomie und renommierter Autor. Er hat Abschlüsse
                                                               in Mathematik, Philosophie und Physik und prägt seit mehr
                                                                 als drei Jahrzehnten die internationale Debatte rund um
                                                        Nachhaltigkeit. In enger Zusammenarbeit mit der britischen
                                                    Regierung, den Vereinten Nationen, der Europäischen Kom-
                                                     mission sowie zahlreichen Nichtregierungsorganisationen,
                                           Unternehmen und Stiftungen treibt er die wirtschafts- und
                                                          sozialwissenschaftliche Nachhaltigkeitsforschung maßgeblich
                                                      voran.

                                                   Seine bekanntesten Werke, „Wohlstand ohne Wachstum“ und
                                                         „Post Growth – Life after Capitalism“, wurden kontrovers dis-
                                                           kutiert und vielfach ausgezeichnet. Mit seinem jüngsten
                                           Buch „Ökonomie der Fürsorge“, das kürzlich erschienen ist,
                                                        setzt er neue Impulse.

                                                    Ein Schwerpunkt seiner Forschung liegt auf nachhaltigen
                                                    Lebensstilen und  der  Sozialpsychologie  des Konsum­
                                                       verhaltens.

                                                                                       11

PDF-Seite 12

Der Verhaltensforscher Philipe Bujold erklärt unser widersprüchliches Handeln WIE DAS VERHALTEN DIE ÜBERZEUGUNGEN VERRÄT

   „Unser Gehirn ist oftmals schlicht überfordert – wir sind nicht dafür gemacht, alles
    gleichzeitig zu bewältigen“, sagt Philipe Bujold, Verhaltensforscher am Rare – Center
     for Behavior and the Environment. Diese Überlastung ist ein entscheidender Grund
    dafür, warum viele Menschen trotz ihrer umweltbewussten Überzeugungen im Alltag
    oft gegensätzlich handeln.

     „Wir können uns gut auf zwei oder drei Dinge gleichzei-    mal eingespielt – etwa morgens automatisch zu einem
        tig konzentrieren. Wird es mehr, blenden wir den Rest    Einwegprodukt zu greifen –, läuft es wie auf Autopilot
      einfach aus“, erklärt Bujold. In der Praxis bedeutet das:    ab. Selbst das Verhalten von Menschen mit einem aus-
   Wenn man hungrig ist und sich schnell ein Sandwich    geprägten Umweltbewusstsein wird von alten Mustern
       holt, denkt man ans Essen – nicht an den dabei entste-     oft überlagert. Besonders schwierig wird  es, wenn
    henden Plastikmüll. Entscheidungen sind oft nicht das    nachhaltige  Alternativen  aufwendiger,  teurer  oder
     Ergebnis sorgfältiger Abwägung, sondern folgen einer     schlicht nicht verfügbar sind.
     begrenzten Rationalität – Menschen treffen die Wahl,
      die im Moment gut genug erscheint.                      Ein weiteres Hindernis  ist das, was Bujold Reibung
                                                                                             ­(friction) nennt – also kleine Unannehmlichkeiten, die
    Gewohnheiten geben den Takt vor                       nachhaltige Entscheidungen anstrengender erscheinen
                                                                     lassen. „Selbst wenn man versucht, eine Gewohnheit
     Hinzu komme, dass die meisten unserer alltäglichen    zu durchbrechen, reicht schon ein bisschen Reibung
    Handlungen reine Gewohnheit sind. „Das Gehirn liebt    aus, um wieder zur bequemeren Wahl zurückzukeh-
      Routinen“, sagt Bujold. Hat sich ein Verhalten erst ein-     ren“, erklärt er.

                                                                Philipe Bujold ist Verhaltensforscher am Rare – Center
                                                                          for Behavior & the Environment. Dort entwickelt er wis-
                                                                 senschaftlich  fundierte  Strategien, um  nachhaltiges
                                                            Verhalten im Alltag zu fördern – unter anderem durch
                                                       Nudges,  soziale Normen und systemisches Design.
                                                             Bujold ist Mitautor des Fachartikels „Expanding Beyond
                                                          Nudge: Experiences Applying Behavioral Science for Com-
                                                                 prehensive Social Change“ (Springer, 2023) und hat zu
                                                            Studien beigetragen, die international in der Umwelt-
                                                            psychologie Anerkennung gefunden haben.

12


PDF-Seite 13

Kleine Anstöße, große Wirkung? Figuren pflanzliche Gerichte wählen oder Elektroautos fahren, wirken nachhaltige Entscheidungen plötzlich Die Verhaltensforschung kann helfen. Sogenannte Nud- ganz selbstverständlich“, sagt Bujold. ges – subtile Anstöße, die Menschen zu besseren Ent- scheidungen lenken sollen – haben sich als wirksam Systemischer Wandel > Einzelentscheidungen erwiesen, auch wenn ihre Effekte oft eher klein ausfal- len. Ein bekanntes Beispiel ist die Kostenpflicht auf Plas- Allein auf das Verhalten Einzelner zu setzen, reicht auch tiktüten. „Dabei geht es nicht ums Geld“, sagt Bujold: aus der Sicht des Verhaltensforschers nicht aus. Syste- „Es geht vielmehr darum, jemanden genau im Moment mische Veränderungen seien unverzichtbar. „Stets wird der Entscheidung zu unterbrechen.“ Studien hätten betont, dass Verbraucher und Verbraucherinnen bessere gezeigt, dass solche Maßnahmen meist eine Verhaltens- Entscheidungen treffen sollen. Doch letztlich stehen änderung von ein bis zwei Prozent bewirken. Das klingt uns nur die Optionen zur Verfügung, die das beste- wenig – aber in großen Bevölkerungen kann selbst ein hende System erlaubt“, erklärt Bujold. Nachhaltiger Prozent einen spürbaren Unterschied machen. Wandel gelingt erst, wenn Anreize auf allen Ebenen – von der Politik bis zur Einkaufsabteilung in Unterneh- Was (vermeintlich) alle tun – und wie sehr uns das prägt men – konsequent auf Umweltziele ausgerichtet sind. „Selbst in klimabewussten Firmen wird die Person, die Unser Verhalten wird – oft stärker, als wir denken – Bestellungen tätigt, vor allem an den Kosten gemessen stark davon beeinflusst, was wir glauben, dass andere – nicht an der Nachhaltigkeit”, weiß Bujold aus Erfah- tun. Die Experten von Rare nutzen gezielt Medien, um rung. Solange das System nachhaltiges Handeln nicht gesellschaftliche Normen unauffällig zu verändern. fördert und belohnt, stoßen individuelle Anstrengun- „Wenn Menschen in Serien oder Filmen sehen, wie gen immer wieder an ihre Grenzen.

Das Rare - Center for Behavior & the Environment wurde 1973 gegründet und ist eine führende gemeinnützige Organisation, die sich auf die Schnittstelle von Verhaltenswissenschaft und Umweltschutz spezialisiert hat. Die Organisation arbeitet in mehr als 60 Ländern mit lokalen Gemeinschaften, Regierungen und Unternehmen zusammen, um nachhaltiges Verhalten zu fördern – von Küstenschutz bis hin zur Reduzierung des Plastikverbrauchs. Durch ihren interdisziplinären Ansatz hat sich Rare als Vorreiter etabliert, der Umweltkommunika- tion sowohl wirkungsvoll als auch wissenschaftlich fundiert gestaltet.

                                                                                       13

PDF-Seite 14

(UN)DAS vom Weg schwere Der Gestalten zumMÜNDIGE KonsumierenLEBEN

  14

PDF-Seite 15

Mehrweg und Unverpackt im konventionellen Einzelhandel STARK GEFEIERT, SCHWACH GENUTZT

Mehrwegverpackungen haben im konventionellen Lebensmittel-Einzelhandel nach wie vor Seltenheitswert. Richtig etabliert und akzeptiert sind sie lediglich bei Getränken. Der Handelsriese REWE möchte das ändern und testet in seinen Läden, was geht. Zwi- schenfazit: Es ist noch viel Überzeugungsarbeit zu leisten.

„Unser Ziel ist es, Mehrweg-Angebote so zu gestalten, System mit standardisierten Behältern, sodass diese dass diese sowohl ökologisch vorteilhaft sind als auch prinzipiell anbieterübergreifend genutzt und zurückge- preislich eine echte Alternative darstellen”, fasst Judith geben werden können. Denn Insellösungen behindern Maier zusammen. Sie ist Projektmanagerin Mehrweg im eine breite Mehrweg-Akzeptanz. Besser wäre eine Team Climate & Circularity bei der REWE Group. Branchen- oder sogar Branchen-übergreifende Lösung. Hier sieht Judith Maier auch den Gesetzgeber in der Das Unternehmen sieht durchaus Potenzial für Mehr- Verantwortung. REWE selbst hat sich bereits 2022 in weg-Lösungen im Einzelhandel, weiß aber auch um die einem Positionspapier für standardisierte Mehrweg- Größe der Herausforderung. Einwegverpackungen systeme eingesetzt und führt derzeit mit der ­Deutschen haben sich über Jahrzehnte als Standard entwickelt. Umwelthilfe in Berlin ein Pilotprojekt zum Thema durch. Ihre Produktion und Anwendung ist hoch skaliert und optimiert. „Mehrweg-Lösungen können ökonomisch Die Pilotierung von Unverpackt-Abfüllstationen in elf nur mithalten, wenn sie von vielen Menschen genutzt REWE-Märkten war ein weiterer Versuch, Verpa- werden. Kundenfreundlichkeit und Kundenakzeptanz ckungsaufwand zu reduzieren. „Wir haben regional spielen also eine entscheidende Rolle“, erklärt Judith getestet, um in Erfahrung zu bringen, was für Kunden Maier. Und: Neue Systeme müssten zusätzlich sowohl interessant, aber auch umsetzbar ist und inwiefern im Markt als auch an der Kasse und auf Transport­ Nachhaltigkeitspotenziale und Wirtschaftlichkeit wegen leicht für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu bestehen“, beschreibt Judith Maier. nutzen sein. Das Projekt sollte zwei positive Effekte miteinander Für REWE-Kunden sichtbares Engagement sind etwa verbinden: weniger Müll schon beim Lieferanten durch ein nationales Mehrweg-Angebot an der To-go-­ große Behälter in der Anlieferung und beim Kunden Salatbar, um zubereitete Salate in der Mehrwegdose durch die Nutzung von Mehrwegverpackungen. Das mitzunehmen, und ein zeitlich befristetes Pilotprojekt Ergebnis: Zwar haben Kunden in Befragungen positiv mit Abfüllstationen für unverpackte Lebensmittel. reagiert und angekündigt, die Stationen nutzen zu Unsichtbar für die Kundinnen und Kunden bemüht sich ­wollen. Tatsächlich getan haben es viel zu wenige. Die REWE schon seit Jahren um die Verringerung des Nutzungszahlen blieben niedrig – auch, nachdem die ­Verpackungsmülls in der Lieferkette. Pilotphase von sechs auf zwölf Monate verlängert ­worden war. Die Diskrepanz zwischen Absicht und Ver- In mehr als 3.800 Märkten bietet der Handelskonzern halten zeigt sich also auch in den Zahlen von REWE. seit Anfang 2023 Mehrwegbehälter für den Außer- „An dieser Stelle wird es für uns als Händler herausfor- Haus-Verzehr von zubereiteten Lebensmitteln an. dernd”, erläutert Judith Maier. „Wenn ein Unverpackt- Diese Mehrwegverpackungen können, ähnlich wie bei Angebot kaum genutzt wird, verfehlt es wegen der zur Pfandflaschen, in Automaten zurückgegeben werden. Bereitstellung notwendigen Ressourcen auch das Außerdem handelt es sich um ein offenes, skalierbares gewünschte Ziel in der Ökobilanz.”

                                                                                       15

PDF-Seite 16

An mangelnden Kommunikations-Maßnahmen, den dort Eigenmarken von REWE angeboten wurden, die Kundinnen und Kunden den unverpackten Einkauf preisgleich zu den verpackten Produkten waren. Die schmackhaft zu machen, habe es nicht gelegen, ist sich Gründe dafür sind noch nicht klar – es könnte an der Judith Maier sicher. REWE habe sowohl ökonomische Wahrnehmung der Stationen als Nischenprodukt liegen, Anreize in Form von Gutscheinen für Produkte aus den vielleicht aber auch an dem damit verbundenen Abfüllstationen gesetzt als auch Mitarbeitende einge- Bio-Image. setzt, die direkte Hilfestellung bei der Nutzung der Abfüllstationen anboten, die Funktionsweise erklärten Einen Grund zum Aufgeben sieht Judith Maier in den und so die Berührungsängste mindern sollten. durchwachsenen Akzeptanzwerten nicht. „Nachhaltig- keit ist ein zentrales Thema, das langfristig von Rele- Es bleibe ein Hindernis für Nutzerinnen und Nutzer, vanz bleiben wird“, betont sie. Allerdings sei eine viel beim Einkauf den zusätzlichen Schritt zu planen, intensivere Zusammenarbeit von Handel, Lieferanten, Behältnisse zum Abfüllen bereitzuhalten, berichtet anderen Anbietern, Zivilgesellschaft, Politik und Ver- Judith Maier. Um diesem Effekt entgegenzuwirken, war braucherinnen und Verbrauchern nötig. Judith Maier es dem Kunden möglich, vor Ort Behältnisse gegen bringt es auf den Punkt: „Die Verwirklichung standardi- Pfand auszuleihen. sierter, kundenfreundlicher und ökologisch vorteil­ hafter Lösungen über Sortimente hinweg erfordert in Zusätzlich nahmen Kundinnen und Kunden die Pro- den kommenden Jahren gemeinsames Handeln.“ – dukte aus den Abfüllstationen als teurer wahr, obwohl ­Niemand kann dieses Ziel allein erreichen.

16


PDF-Seite 17

17


PDF-Seite 18

Wie die Energiesparberatung co2online Leute ins Handeln bringt FAKTEN STATT APPELLE

   Sebastian Metzger und seine Kolleginnen und Kollegen wandeln
   auf dünnem Eis. Sie erklären Menschen, wie sie ihre Wohnungen
  und Häuser möglichst klimaschonend bauen, sanieren und heizen
     sollten. Das geht  eigentlich  gar  nicht.  Nicht  erst  seit dem
    ­„Heizungsgesetz“ der vorigen Bundesregierung gelten Hinweise
  zum Ressourcenschutz vielen  als  Eingriff  in die Privatsphäre.
   Die gemeinnützige Energiesparberatung co2online hingegen ist in
   deutschen Heizungskellern willkommen. Und  nicht nur  dort.
  Wie geht das?

     „Wir appellieren nicht. Wir setzen ausschließlich auf die    verschiedenen Quellen. Am wichtigsten sind die Ener-
      Vermittlung von Fakten“, fasst Sebastian Metzger aus    giespar-Checks zu spezifischen Themen wie Wärme-
   dem Geschäftsführungsteam von co2online die Bera-   pumpe oder  Fördermitteln  auf den Websites von
      tungsstrategie der Berliner zusammen. Knapp 160.000    co2online oder einem der Partner. Damit können Ver-
    Abonnenten erhalten derzeit den Newsletter. Fast vier    braucherinnen und Verbraucher ihr individuelles Spar-
      Millionen Besucher verzeichnete die Website im vergan-    potenzial für eine Maßnahme selbst ausrechnen. Die
    genen Jahr. Dort finden sich unter anderem Leitfäden,   Angaben in den Checks sind anonym und fließen in
     Energiespar-Checks und Kampagnen für den Klima-    eine Datenbank – die co2online-Gebäudedatenbank
     schutz im privaten Umfeld. Die verschiedenen Energie-     (siehe www.wohngebaeude.info).
     spar-Checks von co2online werden inzwischen auf rund
    280 Websites von Partnerorganisationen eingesetzt.      Durch gezielte Nachbefragungen bekommt co2online
                                                     Feedback zu den Rechnern und erfährt, ob die Nutze-
    Das Wichtigste: Allein 2023 haben die digitalen Bera-    rinnen und Nutzer tatsächlich eine Veränderung am
     tungsangebote zu Einsparungen von fünf Millionen   Haus durchgeführt haben. „Wir brauchen diese Nach-
    Tonnen CO2 geführt. Das hat das Team durch systema-    befragung, um zu wissen, ob das Konzept wirklich auf-
      tische Befragungen ihrer Nutzer ermittelt. co2online    gegangen ist, auch wenn zusätzliche Fragen manchmal
       gelingt es also offenbar, Menschen vom Nachdenken    abschrecken“, erklärt Sebastian Metzger.
       ins Handeln zu bringen.
                                                        Die sich aus der Nutzung der Rechner ablesbaren
    Daten sind der Schlüssel                               Trends greift co2online auf und nutzt sie für die Kom-
                                                          munikation über soziale Medien, die Website oder den
    Der Schlüssel dazu sind gute Daten. „Man muss in der    Newsletter. Über die Auswertung von Nutzerverhalten
     Lage  sein, evidenzbasierte Aussagen  beispielsweise    wie Klickzahlen wird sichtbar, was gelesen wird und die
   zum Gebäudebestand zu treffen. Sonst rutscht man   Menschen interessiert. Ein Beispiel von Isabelle Ritter,
      schnell in eine Oberflächlichkeit rein, die keinen Mehr-     Projektleiterin bei co2online: „Posts über Mythen und
     wert liefert und Menschen eher frustriert und miss-    Vorurteile laufen bei uns immer gut.“ Außerdem lernt
      trauisch macht als zum Handeln motiviert“, weiß Sebas-    co2online seine Zielgruppe durch regelmäßige Umfra-
       tian Metzger.                                      gen an Newsletter-Abonnentinnen und -Abonnenten
                                                            besser kennen. Auch auf den Bias in den Daten wird
     co2online erhält Daten über die eigene Zielgruppe aus    geachtet, um  festzustellen,  wie  repräsentativ  die

18


PDF-Seite 19

befragte Gruppe für die Gesamtbevölkerung in Deutschland ist. „So können wir immer wieder schauen: Spiegeln die Daten das Verhalten wider, oder verändert sich dort etwas?“, bemerkt Sebastian Metzger.

Schließlich nutzt co2online auch externe Daten, etwa aus der Forschung, um eigene Beobachtungen zu ergänzen. Dieser fundierte Überblick ermöglicht evidenz­basierte und zugleich sehr passgenaue Kommu- nikation auch in den Medien.

Sowohl die BILD-Zeitung als auch SPIEGEL ONLINE haben bereits Daten von co2online aufgegriffen. Nach solchen Kooperationen verzeichnen die Tools von co2online oft mehr Nutzerinnen und Nutzer – eine wei- tere Chance, die eigenen Daten zu verbessern. „Auch wenn man bei großen Kooperationen sehr gut aufpassen muss – unsere Server haben keine unendlichen Kapazi- täten und sind uns auch schon abgestürzt. Das tat weh“, erinnert sich Sebastian Metzger.

Weniger ist mehr

Was neben harten und belastbaren Fakten noch hilft, Menschen vom Nachdenken ins Handeln zu bringen: zentrale Botschaften. „Viele Menschen fühlen sich von der Menge an guten Ratschlägen überwältigt. Kommu- nikation sollte sich auf die Maßnahmen mit der größten Wirkung fokussieren“, weiß Sebastian Metzger. Dabei hilft Passgenauigkeit. co2online setzt darauf, Menschen mit den für sie relevanten Daten und Informationen, statt mit allgemeinen Tipps anzusprechen.

Auch der Ton kann einen Unterschied machen. Men- schen müssen sich mit ihrer Motivation ernst genommen fühlen. Isabelle Ritter: „Die Leute wollen das Gefühl haben, als mündige Bürgerinnen und Bürger wahrge- nommen zu werden.“ Deshalb zeigt auch co2online authentische Erfahrungswerte von Menschen, die ihre Gebäude sanieren, und bietet eine Community zur ­Vernetzung. Dies schafft Transparenz und ermöglicht technische komplexe Themen kommunikativ leicht zugänglich zu transportieren. „Empathie trifft Empirie“ – dies macht für Sebastian Metzger und seine Kollegin- nen und Kollegen den Unterschied.

                                                                                       19

PDF-Seite 20

Was Benedict Wermter vom Journalisten zum Bildungsstifter machte „MAN MUSS AUCH MAL MORALISCH SANKTIONIEREN“

   Die Aufregung war groß in der Konsumgüterbranche und der Recyclingindustrie. Unter
 dem Titel „Die Recycling-Lüge“ hatte der Journalist Benedict Wermter 2022 einen Doku-
   mentarfilm ins Fernsehen gebracht, der die gebrochenen Versprechen einer Kreislauf-
    wirtschaft für Kunststoffverpackungen gnadenlos demaskierte. Mittlerweile arbeitet
  Wermter in Indonesien – und hat eine ganz andere Zielgruppe im Visier: ganz normale
   Verbraucherinnen und Verbraucher. Und die packt er härter an, als es die gängige Lehr-
  meinung empfiehlt.

     „Wir können uns aus der Plastikmüllkrise nicht rausre-    ten liegt“, räumt Wermter ein und spricht damit einen
       cyceln“, ist Benedict Wermter nach wie vor überzeugt.    sensiblen Punkt an: „Vor allem bei den NGOs ist es
     Seine Perspektive auf das Problem hat sich allerdings    geradezu ein Mantra, bloß nicht die Verbraucher für
      verändert. Er will nicht mehr bloß darüber recherchie-    das Problem zur Verantwortung zu ziehen. Das halte
       ren, schreiben und filmen, sondern selbst etwas unter-     ich für überängstlich bis verlogen. Wir können nicht
    nehmen. Und zwar dort, wo er am meisten gebraucht   den mündigen Bürger feiern und ihn zugleich aus jeder
      wird. Er hat Deutschland verlassen und in Indonesien    Verantwortung heraushalten.“
      eine gemeinnützige Stiftung gegründet. Veritas Edukasi
     Lingkungan (VEL) heißt sie. Der Name lässt sich schlicht   Auch der scheinbar unumstößlichen Regel, dass allein
      mit Veritas Umweltbildung übersetzen.                     positive Narrative wirken und Menschen bei Problem-
                                                             schilderungen im Zusammenhang mit ihrem eigenen
     Binnen weniger Monate hat Wermter ein Team aufge-    Verhalten sofort dichtmachen, mag Benedict Wermter
      baut, das mit digitalen Kommunikationsformaten über    nicht folgen. Er sagt deutlich: „Ich ignoriere die Regeln,
      die Konsequenzen von achtlos weggeworfenem Plas-   was man wie ansprechen darf. Man muss schädliche
       tikmüll informiert und Alternativen aufzeigt. Die von    Verhaltensweisen auch mal moralisch sanktionieren.“
     der jungen Stiftung selbst entwickelte SampApp – Sam-    Damit widerspricht er den meisten anderen Experten
    pah ist das indonesische Wort für Müll – bietet auf   – auch jenen, die in diesem Report zu Wort kommen.
      spielerische Weise Anreize, Müll zu vermeiden und ihn
     zumindest nicht einfach vor dem Haus zu verbrennen.    Dabei ist es keineswegs so, dass die Stiftung VEL bei
                                                                ihren digitalen Bildungsangeboten auf jegliche Taktik
    Wermter hat sich nicht nur vom Journalisten zum    verzichten würde. Wermter hat etwa gelernt, dass es
      Sozial­unternehmer gewandelt. Auch  sein  Blick  auf    wichtig ist, an kulturelle Werte zu erinnern. „Indonesier
    Ursachen und Verantwortlichkeiten hat sich verändert.    haben einen sehr ausgeprägten Nationalstolz und einen
     „Früher habe  ich  bei der Lösung des  Plastikmüll­    starken Gemeinsinn. Also appellieren wir gezielt daran“,
     problems fast allein die Industrie in der Pflicht gesehen.     erklärt Wermter. Die simple Botschaft: Wer seinen Müll
    Heute glaube ich, dass es vor allem an uns Konsumen-     in den Fluss wirft, kann kein Patriot sein.

20


PDF-Seite 21

Benedict Wermter setzt in Indonesien auf die Kraft der Vielen.

Das funktioniert nach seiner Beobachtung besser als zumindest, solange es an deren Vollzug hapert. „Hier in allgemein angenommen. Man müsse die Leute nicht in Indonesien ist es schon lange verboten, seinen Plastik- Watte packen. Die stark steigenden Nutzerzahlen der müll vor der Haustür zu verbrennen. Trotzdem werden SampApp und der Social-Media-Kanäle @bulesampah, ungefähr 30 Prozent des Abfalls genau auf diese Weise die Wermter auf Instagram, TikTok und anderen Platt- entsorgt“, berichtet er. formen betreibt und denen zusammen eine halbe Mil- lion Indonesier folgen, scheinen diese These zu Natürlich zielt seine Stiftung auf Verhaltensänderung. belegen. Aber die – das weiß er aus seiner Erfahrung als Journa- list – brauche eben nicht nur Wissen, sondern auch Stiftungsgründer Wermter sieht in Umweltbildung und Betroffenheit. „Vor dem Behavior Change kommt der Verbraucheraufklärung jedenfalls einen stärkeren Change of Commitment“, sagt Benedict Wermter in Hebel als in zusätzlichen staatlichen Regulierungen – seinem internationalen Duktus.

                                                                                       21

PDF-Seite 22

INTERVIEW

                Im Gespräch mit
                      „Original Unverpackt“-Chefin
                   Katharina Richter

   Fast alle finden sie gut, und trotzdem kämpfen sie ums Überleben. Die Unverpackt-
  Läden erleben die Kluft zwischen Wollen und Handeln jeden Tag. Katharina Richter ist
   eine Pionierin der Szene. Was treibt sie an?

     Frau Richter, wer sind Sie und was machen Sie?          Laden in Kreuzberg läuft gut, hat einen jahrelangen
     Katharina Richter: Ich bin Geschäftsführerin von Origi-   Kundenstamm und ist fest im Kiez etabliert.
       nal Unverpackt in Berlin-Kreuzberg – das ist mittler-
      weile der älteste noch bestehende Zero-Waste-Laden   Wie viele Läden gibt es derzeit noch?
     Deutschlands. Seit einiger Zeit betreiben wir in Berlin    Wir hatten mal mehr als 500 Läden. Aktuell sind etwa
     einen zweiten Standort im Prenzlauer Berg. Außerdem   200 im Verband organisiert, zusätzlich schätzen wir
     engagiere ich mich ehrenamtlich im Unverpackt-Ver-    rund 30 außerhalb. Einige sind noch in Planung. Aber
     band. Zusammen mit einigen anderen Läden in Berlin     klar: Viele setzen jetzt den Rotstift an und prüfen, was
     versuchen wir, die Zero-Waste-Infrastruktur am Leben    sich noch lohnt.
     zu halten. Und ich sage bewusst „am Leben halten“, weil
     das wirtschaftliche Umfeld aktuell ziemlich feindselig ist.    Hat sich auch Ihr Publikum verändert?
                                                                           Ja. Heute kommen vor allem die Early Adopters – also
      „Feindselig“ ist ein starkes Wort. Was macht die           Leute, die uns seit Jahren treu sind und wirklich über-
       ­Situation so schwierig?                                 zeugt handeln. Während der Boomzeit hatten wir viele
      Original Unverpackt gibt es seit 2014. Im Jahr 2019    Kunden, die vom Trend mitgezogen wurden. Jetzt blei-
      hatten wir den Höhepunkt – vor allem durch die Fridays-   ben vor allem die, die sich das leisten können, denen es
     for-Future-Bewegung. Es gab ein riesiges Interesse:     wirklich wichtig ist – und jene, die bewusst auf Qualität
    Lange Schlangen, hohe Umsätze, viele wollten einen   und transparente Herkunft achten. Preisempfindliche
     Unverpackt-Laden eröffnen. Auch in der Corona-Zeit    Kundinnen und Kunden sind oft abgesprungen – auch
         lief es gut, weil Menschen bewusster einkauften. Doch   wenn sie oft gar nicht wissen, dass unverpackt einkau-
    nach der Pandemie änderte sich das Verhalten: Die    fen nicht unbedingt teurer ist. In Warengruppen wie
     Leute geben ihr Geld wieder für andere Dinge aus.       Tee und Gewürzen sind die Läden oft sogar günstiger.

     Hinzu kommen Inflation, Krieg, steigende Lebenshaltungs-    Liegt es vielleicht auch am Zeitaufwand?
      kosten – und natürlich die Tatsache, dass auch Supermärkte    Durchaus. Wer selbst kocht, nimmt sich auch eher die
    und Discounter verstärkt auf Bio setzen, auch wenn dabei    Zeit für bewusstes Einkaufen. Aber gerade junge Leute,
      weiterhin Verpackung anfällt. Viele Menschen glauben, sie    die lange arbeiten, finden unsere Öffnungszeiten oft
    bekommen dort denselben „Benefit“ wie bei uns.             unpraktisch. Wenn der Laden um 18 oder 19 Uhr
                                                                        schließt, ist das einfach ein Hindernis. Und wenn das
    Auch das Ladensterben in der Szene wirkt sich aus:    Problembewusstsein nicht stark genug  ist, reicht die
   Wenn andere schließen, denken manche, wir seien    Motivation oft nicht, um Zeit einzuplanen und Wege
    auch pleite. Dabei  ist das Gegenteil der  Fall. Unser    auf sich zu nehmen.

22


PDF-Seite 23

„Wir müssen diesen Wandel schaffen, auch wenn er unbequem ist“

Erleben Sie es auch im Gespräch mit Freunden oder Läden und möglichst ohne Bankkredit. Wenn wir das Bekannten, dass Menschen überzeugt wirken, aber schaffen, können wir unsere Preise stabilisieren und nicht danach handeln? effizienter werden. Oh ja. Manchmal merke ich, dass ich mit Argumenten nicht weiterkomme. Dann versuche ich, mit gutem Bei- Dass wir gemeinsam an solchen Lösungen arbeiten, spiel voranzugehen. Ich kaufe Getränke für andere, zeigt, wie lebendig und lernfähig die Szene ist. Außer- bringe ihnen was mit. Denn wenn man zu sehr drängt, dem arbeiten wir mit Hochschulen und Universitäten baut sich eher Widerstand auf. zusammen, etwa in Forschungsprojekten zu Zero- Waste-Logistik oder in Bildungsformaten für nachhalti- Oft wünsche ich mir mehr politische Unterstützung – gen Konsum. klare Regeln, Anreize, vielleicht auch Verbote. Das würde es uns allen einfacher machen. Ist es das Ziel also, zu wachsen? Nicht im klassischen Sinn. Ich bin keine Freundin von Das klingt ernüchternd: Wenn selbst Überzeugte nicht Wachstum um des Wachstums willen. Mir geht es um konsequent handeln, bleibt dann nur Regulierung? Suffizienz – darum, dass wir als Gesellschaft lernen, mit Teilweise ja. Ich denke beispielsweise an ein genossen- weniger auszukommen. Aber wenn wir wollen, dass schaftliches Unternehmen, das Hafermilchprodukte Zero Waste aus der Nische kommt, müssen wir auch vertreibt. Die haben tolle Produkte im Pfandglas, über- strukturell mithalten können. Die großen Handelsketten legen jetzt aber, auf Plastikbecher umzusteigen, weil könnten umsteigen – sie haben bereits Pilotprojekte. Sie der Handel diesbezüglich Druck macht. Die Vertriebs- tun es nur nicht freiwillig. Und da braucht es eben Druck wege sind auf Einweg ausgerichtet. Wenn sogar solche – von der Politik, von uns, von der Gesellschaft. Betriebe von ihren Idealen abweichen, zeigt das, wie mächtig die alten Strukturen sind. Dabei stellen wir die Und Sie machen weiter? Wirkung einer veränderten Angebotsform ständig Solange ich kann. Würde ich in der humanitären Hilfe unter Beweis. Eine aktuelle Untersuchung zeigt: Wir arbeiten, würde ich ja auch nicht fragen, ob es sich wirt- liegen bei mehr als 84 Prozent Verpackungseinsparung schaftlich lohnt. Es ist richtig und wichtig. Und genauso – und teils deutlich drüber. sehe ich das hier: Wir haben schon viel verändert. Außerdem gibt es bei aller kritischen Betrachtung ja Haben Sie und Ihre Mitstreitenden eine Chance, das auch sehr motivierende Momente. Wir wurden 2024 zu ändern? und 2025 für den Deutschen Nachhaltigkeitspreis Wir versuchen, im Rahmen unserer Möglichkeiten, nominiert – das zeigt, dass unser Engagement auch auch unsere Systeme zu optimieren. Wir arbeiten gesellschaftlich gesehen wird. gerade an einem Projekt zur gemeinsamen Logistik und Beschaffung. Eine Art Mini-Zentralverteilung für Wir müssen diesen Wandel schaffen – auch wenn er Unverpackt-Läden – weil das bisherige System für uns unbequem ist. Was wir brauchen, sind mehr Menschen, zu teuer und ineffizient ist. Wir planen mit etwa die nicht nur starten, wenn es spannend ist, sondern 200.000 Euro Anlaufkosten, aufgeteilt auf mehrere auch weitermachen, wenn es schwierig wird. 23


PDF-Seite 24

ALLEZUSAMMEN… kollektive als JEDERWandel ODER Verantwortung… SICH?FÜR24


PDF-Seite 25

Gesetz ohne Wirkung WIE WIR IN DER EINWEG-FALLE STECKEN BLEIBEN

Auf den ersten Blick sieht die Bilanz gut aus. Auf den zweiten Blick wirkt sie ernüchternd. Der Anteil der Mehrweggefäße, die 2023 in Deutschlands Außer-Haus-Verkauf für ­Speisen und Getränke zum Einsatz kamen, hat sich im Vergleich zum Jahr 2022 zwar etwa verdoppelt – dies allerdings auf einem nahezu verschwindend niedrigen Niveau. Gerade einmal 1,6 Prozent aller Becher, Schüsseln und Teller, die 2023 über die Theken von Schnellrestaurants, Kiosken und Backshops gingen, waren Mehrweggefäße. Und das trotz einer neuen gesetzlichen Angebotspflicht.

Noch erschreckender wirken die absoluten Zahlen. „Der Schwenk von Einweg zu Mehrweg klingt einfach, 13,6 Milliarden Einweggefäße nutzten Verbraucherin- ist aber tatsächlich eine enorm komplexe Herausforde- nen und Verbraucher im Jahr 2022 in Deutschland rung“, weiß Gina Rembe. Wie Laura Griestop ist sie Teil beim Verzehr außer Haus. Dagegen waren nur 101 Mil- des Teams der Mehrweg-Umsetzungsallianz „Mehr- lionen Behältnisse zum Mehrweg-Gebrauch bestimmt. weg. Einfach. Machen“, einem zivilgesellschaftlichen Zwölf Monate nach der Anfang 2023 eingeführten Bündnis, das wichtige Akteure aus allen relevanten gesetzlichen Mehrweg-Angebotspflicht, war die Zahl Sektoren zusammenbrachte: Mehrweg-Systemanbie- der Mehrweggefäße im To-go-Bereich zwar auf 232 ter, Kommunen, Unternehmen der Systemgastronomie, Millionen gestiegen, die der Einwegbehältnisse aber im Verbände und Politikerinnen. Initiiert wurde die Allianz gleichen Zeitraum auf 14,6 Milliarden. von ProjectTogether, dem WWF und dem Mehrweg- Verband Deutschland. Die Röchling Stiftung zählt zu Angesichts dieser Zahlen ist es nicht übertrieben, der den Förderern der Initiative. neuen Gesetzesregelung eine bestenfalls homöopathi- sche Wirkung zu bescheinigen. Der erhoffte System- Die damalige Umweltministerin Steffi Lemke gab den wandel liegt außer Sichtweite. Startschuss. Und die Lust am gemeinsamen Aufbruch schien groß zu sein. Mehrweg-Systemanbieter teilten Laura Griestop ist Senior Managerin beim WWF und ihre Erfahrungen, Städte und Gemeinden fanden sich beschäftigt sich intensiv mit der Frage, wie Mehrweg- zusammen, um Möglichkeiten des Vollzugs miteinander Nutzung das neue Normal werden kann. „Ein großes zu besprechen. Lern-Labore und regelmäßige Aus- Problem ist, dass sich die Verpackungsmengen insge- tausch-Formate entstanden. Kurz: Am fehlenden Wil- samt nicht reduziert haben. Im Gegenteil: Die Zahl der len liegt es offenbar nicht, dass Mehrweg in der To-go- Einwegverpackungen ist 2023 sogar um eine Milliarde Branche noch immer ein Nischendasein fristet. Aber gestiegen”, verweist Laura Griestop auf die WWF-Stu- woran dann? Die Mehrweg-Umsetzungsallianz hat ihre die „Ein Jahr Mehrwegangebotspflicht: Was hat sich Erkenntnisse in einem umfassenden Learning-Report verändert?“ von Februar 2024. unter dem Titel „Gemeinsam für #MehrMehrweg“ zusammengefasst. Sie decken sich weitgehend mit den Das zeige, dass die gesetzliche Verpflichtung allein nicht Ergebnissen der WWF-Studie. ausreicht, um einen echten Wandel herbeizuführen, und wirft die Frage auf: Warum entscheiden sich Ver- braucher und Verbraucherinnen weiterhin für Einweg?

                                                                                       25

PDF-Seite 26

Warum nutzen Verbraucher Mehrweg so wenig? noch weitgehend. „Mir persönlich wäre es peinlich, mit einem Einwegbecher gesehen zu werden. Das ist aber „Einer der Hauptgründe für die geringe Nutzung von noch lange nicht die soziale Norm“, erklärt Laura Griestop. Mehrweg ist der mangelnde Komfort”, erklärt Laura Griestop. Mehrweg-Optionen erfordern eine zusätzliche Wie kann der Intention-Behavior-Gap geschlossen Handlung, sei es die Rückgabe oder die Nutzung einer werden? App. Wer es eilig hat, greift daher weiterhin oft zur Einwegverpackung. Um die Nutzung von Mehrweg zu steigern, sind weitere politische und wirtschaftliche Maßnahmen nötig. Wür- Ein weiteres Problem ist die mangelnde Sichtbarkeit der den Betriebe Mehrweg als Standardlösung ­anbieten Mehrweg-Angebote an den Verkaufsstellen. „Häufig ist und Einweg nur auf Nachfrage erhältlich sein, wäre der eine Nachfrage seitens der Kunden notwendig, und Wechsel für Verbraucher intuitiver und einfacher. Zudem Verkäuferinnen und Verkäufer müssen wirklich im könnten Gastronomiebetriebe durch bessere Rückgabe- ­hintersten Regal schauen, ob und welche Mehrweg­ strukturen die Nutzung erleichtern. Eine klare Sichtbarkeit behälter sie haben“, berichtet Laura Griestop. Hinzu und eine direkte Ansprache der ­Kundinnen und Kunden komme die fehlende Standardisierung: Unterschiedliche könnten ebenso die Nachfrage nach Mehrweg steigern. Mehrwegsysteme verwenden unterschiedliche Pfand- modelle und zum großen Teil jeweils eigene Rückgabe- Das bestätigt auch Lukas Schuck von ProjectTogether. strukturen, was die Nutzung für Verbraucherinnen und Er war im Team der Mehrweg-Umsetzungsallianz für Verbraucher unübersichtlich macht. das Nudging-Experiment zuständig. In Praxistests haben die Initiatorinnen und Initiatoren zusammen mit Außerdem spiele der Preis eine große Rolle für Konsu- großen Systemgastronomien wie Burger King, IKEA, mentinnen und Konsumenten. Einwegverpackungen Ditsch und Haferkater ausprobiert, welche Anreize sind oft noch zu günstig, sodass es keinen finanziellen Verbraucherinnen und Verbraucher zur Nutzung von Druck gibt, auf Mehrweg umzusteigen. „Anstatt Mehr- Mehrweg-Angeboten verleiten können. weg günstiger anzubieten, würde ein deutlich teureres Einweg-Angebot eher zu einer Verhaltensänderung Ein wesentliches Resultat: Wenn in einem Betrieb das führen”, zitiert Laura Griestop Erkenntnisse aus der Mehrweg-Angebot der technische und kommunikative Verhaltensökonomik. Standard ist und Einweggefäße nur auf ausdrücklichen Kundenwunsch herausgegeben werden, wirkt sich das Auch Gewohnheiten spielen eine Rolle: Während sich in stärker auf die Steigerung der Mehrweg-Quote aus als anderen Bereichen umweltfreundliches Verhalten durch- „sanfte” Anreize wie zum Beispiel eine Überholspur für gesetzt hat, fehlt dieser Druck beim Thema Mehrweg Mehrweg-Nutzer bei der Warenausgabe.

    Mehrweg-Angebotspflicht in Deutschland

       Seit dem 1. Januar 2023 ist die Mehrweg-Angebotspflicht fester Bestandteil des Verpackungsgesetzes ­(VerpackG).
     Gastronomiebetriebe mit einer Verkaufsfläche von mehr als 80 Quadratmetern oder mehr als fünf Mitarbeitenden
      sind verpflichtet, neben Einwegverpackungen auch Mehrweg-Alternativen für Speisen und Getränke zum Mitneh-
   men anzubieten. Kleinere Betriebe müssen zumindest ermöglichen, dass ­Kundinnen eigene Mehrwegbehälter
     ­verwenden. Das Ziel dieser Regelung ist es, den Einsatz von Einwegverpackungen und den daraus resultierenden
      Abfall zu reduzieren.

26


PDF-Seite 27

In der Studie „Gemeinsam für #MehrMehrweg” wird das EAST-Framework als Modell für die Gestaltung von Verhaltensänderungen vorgestellt. Dieses fördert Verhaltensänderungen durch vier Prinzipien:

• Einfachheit, indem Hürden reduziert und Standardoptionen genutzt werden;

• Attraktivität, durch visuelle Reize und Belohnungen;

• soziale Einflussnahme, indem Normen hervorgehoben und Netzwerke genutzt werden; sowie

• Timing, indem Veränderungen in günstigen Momenten angestoßen werden.

Ein Beispiel ist das Nudging-Experiment, bei dem Anreize wie technische Standards, Belohnungen und ­soziale Vergleiche die Mehrweg-Nutzung steigerten.

„Außerdem haben wir festgestellt, dass es sehr stark ckungsverordnung sieht vor, dass bis 2030 mindestens auf die handelnden Personen in den Unternehmen zehn Prozent Mehrweg im To-go-Bereich erreicht wer- ankommt“, berichtet Lukas Schuck. Nur so ließen sich den müssen. Mit den aktuellen Maßnahmen wird das die teils enormen Unterschiede bei der Steigerung der nicht gelingen. Verbraucherinnen und Verbraucher Mehrweg-Quote zwischen den Geschäften gleicher benötigen eine klare und einfache Lösung, um Mehr- Ketten erklären, die – trotz gleicher Nudges – zwischen weg in ihren Alltag zu integrieren. Nur ein Zusammen- null und 80 Prozent variierten. „Wie viel Power und spiel aus gesetzlichen Vorgaben, Aufklärung, finanziel- Engagement das lokale Management in das Thema len Anreizen und smarter Gastronomie-Praxis kann investiert, hat einen immensen Einfluss“, fasst Lukas dafür sorgen, dass Mehrweg zur Norm wird. Schuck zusammen. Damit das gelingt, müssen Gastronomiebetriebe, Staat Für seine Kollegin Gina Rembe ist vielen Verbraucherin- und Konsumenten gemeinsam handeln. „Wir kommen nen und Verbrauchern noch nicht klar genug, wie sich aus Jahrzehnten der Einweg-Routine. Mehrweg-Lösun- ihr Handeln auswirkt und was sie damit tatsächlich ver- gen müssen bequemer und günstiger als Einwegverpa- ändern können. „Wir haben das Abfallproblem jahrzehn- ckungen werden, dann schaffen wir die Verpackungs- telang von den Menschen ferngehalten: Ich werfe den wende”, fasst Laura Griestop zusammen. Becher weg, und jemand anderes kümmert sich darum. Die Kosten tragen Städte und Kommunen bzw. wir als Steuerzahlerinnen und Steuerzahler. Das muss sich ändern. Einweg muss stärker eingepreist werden und von den finanziell profitierenden Unternehmen getra- gen werden.” Zugleich warnt der Learning-Report der Mehrweg-Umsetzungsallianz aber auch davor, die Wir- kung von Kampagnen zu überschätzen: „Die Bilanz sol- cher Kampagnen ist oft enttäuschend: Viel Geld wird investiert, doch der tatsächliche Einfluss auf das Verhal- ten bleibt gering. (…) Der Grund? Menschen sind weit- aus komplexer als nur uninformierte Wesen, die durch Wissen allein zum Handeln bewegt werden können.”

Verhalten gezielt steuern, statt nur Appelle setzen In der Systemgastronomie entscheiden Kunden schnell. Da haben zirkuläre Produkte nur beiTrotz leichter Verbesserungen bleibt die Mehrweg- ­entsprechender Positionierung eine Chance.Quote auf einem niedrigen Niveau. Die EU-Verpa-

                                                                                       27

PDF-Seite 28

INTERVIEWINTERVIEW

               René Bethmann,
                  Innovationsmanager beim
                   ­Outdoor-Ausrüster VAUDE

                     Dr. Hyewon Seo,
                   Expertin für nachhaltigen Konsum
                beim Umweltbundesamt

  Das regelt der Markt mit Angebot und Nachfrage, sagen die einen. Die Politik muss
    stärker steuern, sagen die anderen. Zu Fragen der Verantwortungsteilung zwischen
    Staat, Unternehmen und Konsumenten haben wir René Bethmann, Innovationsmanager
  beim Outdoor-Ausrüster VAUDE, und Dr. Hyewon Seo, Expertin für nachhaltigen
  Konsum beim Umweltbundesamt, zum Gespräch eingeladen.

     Herr Bethmann, Ihr Unternehmen gilt als Vorreiter in   angekommen. Andere Bereiche werden, trotz besse-
    Sachen nachhaltiges Produktangebot. Sind VAUDE-   rem Wissen, gerne bewusst übersehen.
    Kunden     besonders     naturverbunden    und
    umweltbewusst?                                René Bethmann: Dem kann ich nur zustimmen. Ich
                                                                glaube, dass die Verpackung in den vergangenen ­Jahren
    René Bethmann: Leute, die Outdoor-Sport betreiben    ziemlich verteufelt wurde und dabei die eigentliche
    und in die Natur rausgehen, haben ein höheres Umwelt-    Ursache vieler Probleme übersehen wird: Statt über die
     bewusstsein. Daran appellieren wir auch in unserer    Verpackung einer Salatgurke zu sprechen, müsste man
    Werbung. Nichtsdestotrotz stellen wir Ausrüstung her,    sich fragen, ob die Salatgurke ganzjährig im Sortiment
      die zur Ausübung einer bestimmten Aktivität dient.    sein muss. Wir brauchen einen Paradigmenwechsel.
     Dabei steht für Kunden die Funktionseigenschaft im    Dabei bin ich ein großer Freund von gewissen Restrik-
     Vordergrund. Außerdem kann es trotz hohem Umwelt-    tionen und Regulierungen, damit wir die Kundinnen an
     bewusstsein zu Rebound-Effekten kommen: Wenn ein    die Hand nehmen und ihnen klare Orientierung geben
     Produkt nachhaltiger erscheint, wird es eher gekauft,    können.
    auch wenn man es möglicherweise nicht unbedingt
      braucht.                                          Dass ein Unternehmen nach mehr Regulierung ruft,
                                                               dürfte für Sie beim Umweltbundesamt eher ungewohnt
      Trotz einer gesteigerten öffentlichen Präsenz des The-     sein.
    mas Abfallvermeidung kommen wir zum Beispiel beim
      Rezyklateinsatz  oder  der  kreislauffähigen  Produkt­   Hyewon Seo: Erstaunlicherweise hören wir das immer
      gestaltung kaum voran. Woran liegt das?                   öfter – vor allem von Unternehmen, die vorangehen
                                                               wollen. Sie wollen verständlicherweise nicht, dass sie
   Hyewon Seo: Das hängt stark vom Thema ab. Das    wirtschaftliche Einbußen hinnehmen müssen, wenn
   Thema Verpackung  ist nach meiner Wahrnehmung     sie  nachhaltiger  agieren  als  die  Konkurrenz. Der
    schon bei den Verbraucherinnen und Verbrauchern   Wunsch nach einem level playing field, nach Mindest-

28


PDF-Seite 29

„Zeigen, dass Engagement sich lohnt“

standards und neuen Regeln, ist gerade bei Pionieren Bürgerinnen und Bürgern nicht so groß. Um es sozial- des nachhaltigen Wirtschaftens groß. Auf der anderen wissenschaftlich zu formulieren: Kollektivistisch orien- Seite hören wir von Verbänden, die ja die Mehrheit tierte Gesellschaften legen ein stärkeres Gewicht auf ihrer jeweiligen Branchen vertreten müssen, dass es soziale Normen und Harmonie, was dazu führen kann, zu viele Regeln gibt. Das sind zwei Stimmen, die beide dass Individuen ihre Handlungen stärker an ihren Ein- sehr laut sind. stellungen ausrichten, um soziale Kohärenz zu gewähr- leisten. Beim Umweltbundesamt versuchen wir daher, Welche Narrative sind notwendig, um Menschen, Personen nicht als Individuen anzusprechen, sondern Organisationen und Unternehmen in Sachen Nachhaltig- als Teil einer Gruppe. keit vom Wissen ins Handeln zu bringen? Wie könnte das konkret aussehen? René Bethmann: Viele Akteure befinden sich derzeit in einer Schockstarre angesichts der vielen Probleme und René Bethmann: Als Unternehmen können wir aufzei- Krisen. Sie wissen nicht, was sie tun sollen oder gehen gen, welcher Wert in einem Produkt steckt, damit Kun- doch den einfachen Weg. Ich glaube, es ist wichtig, dinnen und Kunden diesen schätzen und wissen: Was dass wir den Pessimismus mal außen vor lassen und sind das für Menschen, die meine Produkte herstellen? schauen, welche Möglichkeiten es gibt, etwas Positives Wie viele Arbeitsschritte sind dafür notwendig? Auch zu bewirken. Wir müssen den Menschen Mut machen, Langlebigkeit, Zeitlosigkeit und der Wiederverkaufs- dass jeder Einzelne bei sich selbst anfangen kann und wert steigern den Wert eines Produktes. Wenn Kun- dass Engagement sich lohnt. Das haben wir bei VAUDE dinnen und Kunden dies erkennen, dann können Unter- auch gemacht. Wir haben an der Unternehmensstruk- nehmen auch mit nachhaltigen Produkten und tur gearbeitet und das Thema Nachhaltigkeit erst bei Dienstleistungen profitabel wirtschaften und zirkuläre uns Mitarbeitenden verankert, bevor wir es in die Welt Geschäftsmodelle entwickeln. getragen haben. Erreicht man so die breite Masse oder nur die ohnehin Hyewon Seo: Eine internationale Studie zum Intention- bereits Überzeugten? Behavior-Gap15 hat gezeigt, dass diese Lücke in ­Ländern, in denen der Gemeinschaftssinn traditionell René Bethmann: Ob wir wirklich viele neue Konsu- stärker ausgeprägt ist, kleiner ist, zum Beispiel in Ost- menten damit erreichen, ist schwer zu sagen. Ich asien in Japan, Korea und China. Dort ist die Unterschei- glaube, dass sich das Bewusstsein ausweitet und dass dung zwischen Konsumentinnen und Konsumenten und wir einen Effekt auf Händler und Mitbewerber haben,

                                                                                       29

PDF-Seite 30

die sich stark an uns orientieren. Das kann man leider Wir sind als Unternehmen gezwungen, umzudenken nicht immer an wirtschaftlichen Kennzahlen und zu schauen, welche alternativen Businessmodelle ausmachen. es gibt. Können wir zum Beispiel mehr Service in Form von Lebensverlängerungsmaßnahmen für unsere Pro- Hyewon Seo: Das passt zur Theorie des Social Tipping dukte anbieten, die nicht komplett kostenlos sind. Ein Point: Wenn etwa ein Drittel bis die Hälfte der Gesell- Fahrrad oder Auto bringen Kunden ja auch zur Repara- schaft erreicht wird, verändern sich die Strukturen so, tur, obwohl diese etwas kostet. dass ein anderes Verhalten zur Norm wird. Und genau da setzen wir an. Wir machen Zielgruppenanalysen und Zum Schluss unseres Gesprächs ist Träumen erlaubt: gucken, wen wir mit welchen Botschaften am besten Was wäre die magische Strategie, um Menschen zum erreichen können. Dann versuchen wir, ein gut erreich- nachhaltigen Konsum zu motivieren? bares Drittel mitzunehmen, damit es zu diesem Tipping Point kommt. Dabei können auch Influencerinnen und Hyewon Seo: Ich würde mir wünschen, dass es 2026 Influencer eine wichtige Rolle spielen. keine Werbung gibt, die zu weiterem Konsum animiert, und zum Jahr des Wohlstands erklärt wird – und zwar Muss Nachhaltigkeit teurer sein, damit sie für Unter- nicht Wohlstand, weil man sich alles Mögliche leisten nehmen profitabel ist? kann, sondern weil man nichts wirklich braucht.

    René Bethmann: Aus Unternehmenssicht können wir   René Bethmann: Mein Wunsch wäre eine wirkliche Bil-
    entweder immer mehr Produkte in Umlauf bringen, bei-    dungsoffensive, damit Nachhaltigkeit und  Kreislauf-
      spielsweise indem wir neue Märkte erschließen, oder    wirtschaft ein integraler Bestandteil von allen Schulfä-
      wir machen das Produkt begehrenswerter und somit    chern ist. Dann hätten wir die Chance, dass zukünftige
     auch teurer, damit wir profitabel bleiben. Zusätzlich kön-    Generationen bewusster denken und besser abstrahie-
    nen wir Grenzen des Wachstums berücksichtigen und    ren können, was richtig ist.
        als Unternehmen nur so weit wie nötig expandieren.

30


PDF-Seite 31

„Zeigen, dass Engagement sich lohnt“

                                           31

PDF-Seite 32

Das globale Plastikabkommen DER STEINIGE WEG VON DER ­ABSICHTSERKLÄRUNG ZUM ­GEMEINSAMEN HANDELN

  Im Jahr 2022 keimte neue Hoffnung im weltweiten Kampf gegen die Plastikkrise auf.
   „Die Regierungen erkannten gemeinsam die Dringlichkeit eines Wandels an und verein-
   barten in einer historischen Absichtserklärung, ein rechtsverbindliches Abkommen zur
  Eindämmung der Plastikverschmutzung zu schaffen“, blickt Ambrogio Miserocchi zurück.
   Er ist Politikmanager bei der Ellen MacArthur Foundation und hat die Verhandlungen
    seither intensiv begleitet.

        Ist alle Zuversicht der Realität zum Opfer gefallen?        Ein weiterer Punkt, der zu Beginn der Verhandlungs-
                                                      runden unterschätzt wurde, ist das fehlende gemein-
     Fünf Verhandlungsrunden in fast drei Jahren – und noch   same Verständnis des Problems. „Unser Wissensstand
    immer ringen die Delegierten damit, die Kluft zwischen    hat  sich  seither  erheblich  verbessert. Die  globale
     Absicht und Umsetzung zu überbrücken. Während    Debatte über Plastikverschmutzung  ist heute weiter
       viele Länder sich für strikte, rechtsverbindliche Rege-    fortgeschritten als je zuvor – und wir sind deutlich
     lungen starkmachten, befürchteten andere wirtschaft­     ­besser aufgestellt, um das Problem anzugehen“, sagt
       liche Einbußen. Das zeigt: Der sogenannte Intention-    ­Ambrogio Miserocchi.
     Behavior-Gap ist kein individuelles, sondern auch ein
     systemisches  Problem.  Regierungen,  Industrie und     „In nur drei Jahren eine global abgestimmte Antwort
       Zivilgesellschaft erkennen zwar die Dringlichkeit der    auf die Plastikproblematik zu finden, war von Anfang an
      Krise – doch konsequentes Handeln bleibt vielfach aus.    äußerst ambitioniert“, merkt er an. Trotz Verzögerun-
                                                     gen und eines zunehmend komplexen geopolitischen
      Ein zentrales Hindernis für kollektives Handeln ist die    Umfelds bleibt der Experte der Ellen MacArthur Foun-
    ökonomische und politische Realität, mit der sich ver-    dation optimistisch. Er glaubt weiterhin an die Möglich-
     schiedene Staaten konfrontiert sehen. Vor allem Länder     keit  eines  starken,  internationalen Abkommens –
      mit starken petrochemischen und kunststoffverarbei-    gestützt auf das gewachsene gemeinsame Wissen.
     tenden Industrien sind in hohem Maße auf Plastikpro-    „Natürlich haben wir uns noch nicht auf einen Vertrags-
     duktion und -handel angewiesen. Auch wenn sie die     text geeinigt. Aber die letzte INC-Verhandlungsrunde
       langfristigen ökologischen Risiken anerkennen, fürch-    war meiner Meinung nach sehr positiv“, betont Ambrogio
     ten sie kurzfristige wirtschaftliche Folgen.                 Miserocchi. Die Übereinstimmung unter den Staaten
                                               nehme  zu, und  die Gespräche konzentrierten  sich
       „Ein globales Abkommen zu erreichen, das direkte Aus-   zunehmend auf konkrete Inhalte statt auf politische
     wirkungen auf Volkswirtschaften hat, ist ein äußerst kom-    Grundsatzfragen.
      plexer Prozess“, weiß Ambrogio Miserocchi. Besonders
      deshalb, weil sich sowohl wirtschaftliche Auswirkungen –   Ob das Abkommen ein echter Wendepunkt wird, hängt
    etwa auf Arbeitsplätze – als auch die externen Kosten der   nun davon ab, ob die Staaten bereit sind, nicht nur
      Plastikverschmutzung nur schwer beziffern lassen.        Worte zu finden – sondern endlich auch zu handeln.

32


PDF-Seite 33

Die Kluft überbrücken: Gemeinsames Handeln Kollektives Verhalten zu verändern, ist weitaus komple- ermöglichen xer als individuelles Verhalten. Es berührt zusätzliche Ebenen – soziale und politische Dynamiken, institutio- Die Bekämpfung der Plastikverschmutzung erfordert nelle Trägheit und systemische Barrieren. Laut nicht nur individuelles Umdenken, sondern tiefgrei- ­Ambrogio Miserocchi bestehen die Schlüsselhebel zur fende systemische Veränderungen. Einzeln greifende Überwindung der Kluft zwischen Absicht und gemein- Maßnahmen reichen dabei nicht aus, wie der Experte samem Handeln in folgenden Punkten: betont: „Ich kann mit Sicherheit sagen: Wir werden das Problem nicht lösen, wenn wir es nicht ganzheitlich und Wirtschaftliche Bedenken müssen ernst genommen koordiniert angehen.“ Genau hier kommt dem Plastik- werden, damit Umweltpolitik nicht als Gegenspieler abkommen eine zentrale Rolle zu. Es muss die Grund- wirtschaftlicher Entwicklung wahrgenommen wird. Der lage für ein neu gestaltetes System schaffen – ein Experte der Ellen MacArthur Foundation unterstreicht ­System, das kollektives Umweltengagement erleichtert die Notwendigkeit eines klaren und stabilen regulatori- und ökonomisch tragfähig macht. Die Herausforderung schen Rahmens. Dazu gehören gezielte Anreize und besteht jedoch darin, dass „zwar viele Länder die allge- Subventionen für alternative Geschäftsmodelle, der meine Zielrichtung teilen, die konkreten Interessen Ausbau notwendiger Infrastruktur und Investitionssi- jedoch stark vom jeweiligen nationalen Kontext abhän- cherheit für Unternehmen, die sich an der Lösung der gen“, so Miserocchi. Plastikproblematik beteiligen wollen. „Je weiter die

Das Plastikabkommen auf einen Blick

Die Umweltversammlung der Vereinten Nationen (UNEA) ist das weltweit höchste Entscheidungsgremium in Umweltfragen – mit universeller Mitgliedschaft aller 193 Staaten. Im März 2022 wurde auf der fünften UNEA- Tagung (UNEA 5.2) eine Resolution verabschiedet, die den Weg für ein rechtsverbindliches Abkommen zur Bekämp- fung der Plastikverschmutzung ebnete. Inger Andersen, Exekutivdirektorin des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP), bezeichnete die Vereinbarung als das bedeutendste multilaterale Umweltabkommen seit dem Pariser Klimaabkommen.

Mit der Ausarbeitung des Vertrags wurde ein multinationales Verhandlungskomitee (INC) beauftragt, das seine Arbeit in der zweiten Jahreshälfte 2022 aufnahm. Die Sitzung im Dezember 2024 im südkoreanischen Busan sollte ursprüng- lich den endgültigen Vertragstext verabschieden. Doch kontroverse Diskussionen über wirtschaftliche Interessenkon- flikte, regulatorische Ansätze und Durchsetzungsmechanismen führten zu einer Verlängerung des Prozesses.

Nun richtet sich der weltweite Blick auf die nächste Verhandlungsrunde in Genf im August 2025 – ein entscheidender Moment, der zeigen wird, ob das Abkommen zu einem wirksamen Instrument für echten Wandel werden kann.

                                                                                       33

PDF-Seite 34

­Diskussionen fortschreiten, desto mehr Menschen wird klar: Die Kosten des Nicht-Handelns sind schlicht- weg nicht mehr tragbar“, beobachtet er.

    Ebenso entscheidend ist die Stärkung der internationalen
     Zusammenarbeit. „In den kommenden Monaten hoffen
        wir, dass die Länder beginnen, ihre Positionen offenzu-
      legen, Missverständnisse auszuräumen und gemeinsam
    den richtigen Weg zu finden – mit einem starken Aus-
     gangspunkt  und  einer  realistischen  Umsetzungs­
      perspektive“, sagt Ambrogio Miserocchi. Der kontinu-
       ierliche   Dialog   wird   helfen,   Gemeinsamkeiten
      heraus­zuarbeiten und auf eine harmonisierte, wirksame
      Strategie zur Eindämmung der Plastikverschmutzung
      hinzuarbeiten.

       Alle Akteure – Staaten, Wirtschaft und Zivilgesellschaft
    – müssen nun gemeinsam dafür sorgen, dass das
   Abkommen ambitioniert, verbindlich und in der Lage
          ist, echten systemischen Wandel anzustoßen. Gelingt
     es den Verhandelnden, an die positive Dynamik von
    Busan anzuknüpfen – dort unterzeichneten 84 Länder
      die Erklärung “Stand Up for Ambition“ –, könnte das
   Abkommen zu einem Wendepunkt in der internationalen
     Umweltpolitik werden.

    Der Weg zu einem globalen Plastikabkommen war bis-
     her alles andere als geradlinig – doch er ist längst nicht
     zu Ende. Ambrogio Miserocchi fasst es so zusammen:
       „Fortschritt sollte nicht allein an Fristen gemessen wer-
     den, sondern daran, ob das Abkommen die Basis für
      nachhaltigen Wandel legt. Wir haben jetzt die Chance,
     unsere Art, Plastik zu produzieren, zu nutzen und zu
     entsorgen, grundlegend zu verändern. Ich hoffe, dass
      sich die Regierungen noch  in diesem Jahr  in Genf
    zusammentun und den Weg von der Absicht zum
      ­konkreten Handeln einschlagen.“

34


PDF-Seite 35

35


PDF-Seite 36

POLYPROBLEM: Wissen. Transparenz. Kooperation

            POLYPROBLEM ist eine gemeinsame Initiative der gemeinnützigen Röchling Stiftung und
                des Beratungsunternehmens Wider Sense. Unter dem gleichnamigen Titel veröffentlich-
                 ten die Initiatoren 2019 eine Studie, die zu dem ernüchternden Ergebnis kam, dass trotz
                des regen öffentlichen Interesses für die fortschreitende Umweltbelastung durch Plastik-
                  müll eine globale Agenda weiterhin nicht in Sicht ist. Hinzu kommt, dass es nur wenige
               Angebote gibt, die kontinuierlich, umfassend und wissenschaftlich fundiert zu diesem
             Thema informieren.

                     In Zusammenarbeit mit Unternehmen, Stiftungen, NGOs, der Wissenschaft und Politik soll
                  unter dem Dach von POLYPROBLEM diese Lücke geschlossen und die besten Innovationen
                    für eine plastikabfallfreie Umwelt gefördert werden.

                Zweimal jährlich veröffentlicht POLYPROBLEM gemeinsam mit Expertinnen und Experten
                 aus Wissenschaft und Praxis Reports zu den neusten Entwicklungen und drängendsten
                Fragen rund um das Thema „Kunststoff und Umwelt“. Ziel soll es sein, mehr Klarheit,
                 Transparenz und Orientierung in unübersichtlichen Aktionsfeldern zu bieten, aber auch zu
                  verblüffenden Fakten oder über bisher unbeleuchtete Aspekte zu informieren.

                www.polyproblem.org

36


PDF-Seite 37

Die Röchling Stiftung widmet sich konzentriert dem Thema „Kunststoff und Umwelt“. Sie unterstützt sowohl Forschungsprojekte als auch zivilgesellschaftliche Initiativen, die zu einem verantwortungsvollen Umgang mit Kunststoffen im Sinne einer nach- haltigen Kreislaufwirtschaft beitragen. Die Röchling Stiftung sieht sich dabei nicht als reiner Förderpartner, sondern ist vor allem interessiert am Aufbau neuer, sektor­ übergreifender Kooperationen und Netzwerke.

Wie mit diesem Themenkompass initiiert die Stiftung auch eigene Aktivitäten, die zu einem ganzheitlichen Verständnis und zu integrierten Lösungen der globalen Her- ausforderung „Kunststoff und Umwelt“ beitragen.

Die Röchling Stiftung wurde 1990 von der Unternehmerfamilie Röchling errichtet. Die Familie ist auch Eigentümerin der Unternehmensgruppe Röchling, die zu den international führenden Anbietern von Hochleistungs-Kunststoffen für die Auto- mobiltechnik, Industrieanwendungen und Medizintechnik zählt.

www.roechling-stiftung.de info@roechling-stiftung.de

Mit maßgeschneiderter Beratung, von der Recherche über die Strategie bis hin zur Implementierung, unterstützt WIDER SENSE Unternehmen und Stiftungen dabei, sozialen Wandel wirkungsvoll zu gestalten. Seit Mai 2015 ist WIDER SENSE zudem eine zertifizierte B-Corporation. In den vergangenen Jahren hat WIDER SENSE Fachwissen in den Bereichen CSR, Philanthropie und Sozialinvestitionen generiert und ein globales Netzwerk von strategischen Partnern aufgebaut. Mit seiner inter- nationalen Reichweite und seinem multidisziplinären Team hat WIDER SENSE mit mehr als 100 Kunden an Projekten in über 30 Ländern zusammengearbeitet, ­welche direkten Einfluss auf Fonds für sozialen Wandel in einer Höhe von mehr als 100 Mio. EUR haben.

https://widersense.org info@widersense.org

                                                                             37

PDF-Seite 38

1 Alves, Bruna (2025). Plastic waste worldwide - statistics & facts. https://www.statista.com/topics/5401/global-plastic- waste/#topicOverview 2 Grothmann, Torsten; Frick, Vivian; Harnisch, Richard; Münsch, Marlene; Kettner, Sara Elisa; Thorun, Christian (2023). Umweltbe- wusstsein in Deutschland 2022 - Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage, S. 30. https://www.umweltbundesamt.de/ publikationen/umweltbewusstsein-in-deutschland-2022 3 Grothmann, Torsten; Frick, Vivian; Harnisch, Richard; Münsch, Marlene; Kettner, Sara Elisa; Thorun, Christian (2023). Umweltbe- wusstsein in Deutschland 2022 - Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage, S. 49. https://www.umweltbundesamt.de/ publikationen/umweltbewusstsein-in-deutschland-2022 4 Grothmann, Torsten; Frick, Vivian; Harnisch, Richard; Münsch, Marlene; Kettner, Sara Elisa; Thorun, Christian (2023). Umweltbe- wusstsein in Deutschland 2022 - Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage, S. 35. https://www.umweltbundesamt.de/ publikationen/umweltbewusstsein-in-deutschland-2022 5 YouGov (2023). Plastikfrei(er) leben, S. 4. https://business.yougov.com/de/content/47270-plastikfreier-leben 6 YouGov (2023). Plastikfrei(er) leben, S. 8. https://business.yougov.com/de/content/47270-plastikfreier-leben 7 Cobbing, Madeleine (2024). People vs Plastic, S. 6. https://www.greenpeace.org/static/planet4-international-stateless/2024/04/ eaa6997d-survey-results-global-plastics-treaty.pdf 8 YouGov (2023). Plastikfrei(er) leben, S. 11. https://business.yougov.com/de/content/47270-plastikfreier-leben 9 United Nations Environment Programme (2025). Intergovernmental Negotiating Committee on Plastic Pollution, https://www.unep. org/inc-plastic-pollution 10 European Union (2024). EU‘s Digital Product Passport: Advancing transparency and sustainability. https://data.europa.eu/en/news- events/news/eus-digital-product-passport-advancing-transparency-and-sustainability 11 European Parliament (2024). Stopping greenwashing: how the EU regulates green claims. https://www.europarl.europa.eu/topics/en/ article/20240111STO16722/stopping-greenwashing-how-the-eu-regulates-green-claims 12 Europäisches Parlament (2024). Neue EU-Vorschriften: weniger Verpackungen, mehr Wiederverwendung und Recycling. https://www.europarl.europa.eu/news/de/press-room/20240419IPR20589/neue-eu-vorschriften-weniger-verpackungen-mehr- wiederverwendung-und-recycling 13 Statista Research Department (2025). Anzahl der beim Verband der Unverpackt-Läden verzeichneten Unverpackt-Läden in Deutschland in den Jahren 2023 und 2024. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1479567/umfrage/anzahl-der-unver- packt-laeden-in-deutschland/#:~:text=In%20Deutschland%20wurden%20im%20Jahr%202024%20zuletzt%20235,Zusammen- hang%20steht.%20Sofortiger%20Zugriff%20auf%20%C3%BCber%201%20Mio. 14 RARE – Center for Behavior & the Environment (2025). The BE.Center’s 6 behavioral levers. https://behavior.rare.org/behavioral-levers/ 15 Hirsch, D. und W. Terlau (2015): Sustainable Consumption and the Attitude-Behaviour-Gap Phenomenon - Causes and Measure- ments towards a Sustainable Development. https://www.researchgate.net/publication/293824321_Sustainable_Consumption_and_ the_Attitude-Behaviour-Gap_Phenomenon_-_Causes_and_Measurements_towards_a_Sustainable_Development

LINKS ZU DEN GENANNTEN ORGANISATIONEN UND PERSONEN

      Organisation                        Abk.         Link
        co2online                                                     https://www.co2online.de/
          Ellen MacArthur Foundation              EMF            https://www.ellenmacarthurfoundation.org/
      Mehrweg Einfach Machen
      Mehrweg Umsetzungsallianz                                   https://mehrweg-einfach-machen.de/
        Intergovernmental Negotiating Committee on
          Plastic Pollution                          INC             https://www.unep.org/inc-plastic-pollution
          Original Unverpackt                                                https://original-unverpackt.de/
        Rare – Center for Behavior & the Environment   RARE            https://rare.org/
    REWE                                                       https://www.rewe.de/
       Tim Jackson                                                       https://timjackson.org.uk/
      Umweltbundesamt                    UBA           https://www.umweltbundesamt.de/
       Unverpackt Verband                                          https://www.unverpackt-verband.de/
     VAUDE                                                      https://www.vaude.com/de/de/blog/category/ueber-uns.html

         Veritas Edukasi Lingkunga                  VEL              https://vel.earth/
       World Wide Fund For Nature          WWF          https://www.wwf.de/

38


PDF-Seite 39

QUELLENVERZEICHNIS

Alves, Bruna (2025). Plastic waste worldwide – statistics & facts. Hirsch, D. und W. Terlau (2015): Sustainable Consumption and https://www.statista.com/topics/5401/global-plastic- the Attitude-Behaviour-Gap Phenomenon – Causes and waste/#topicOverview (abgerufen am 11.06.2025) Measurements towards a Sustainable Development. https://www.researchgate.net/publication/293824321_ Cobbing, Madeleine (2024). People vs Plastic, S.6. Sustainable_Consumption_and_the_Attitude-Behaviour- https://www.greenpeace.org/static/planet4-international- Gap_Phenomenon_-Causes_and_Measurements stateless/2024/04/eaa6997d-survey-results-global-plastics- towards_a_Sustainable_Development (abgerufen am treaty.pdf (abgerufen am 11.06.2025) 11.06.2025) Europäisches Parlament (2024). Neue EU-Vorschriften: weniger RARE – Center for Behavior & the Environment (2025). The BE. Verpackungen, mehr Wiederverwendung und Recycling. Center’s 6 behavioral levers. https://www.europarl.europa.eu/news/de/press- https://behavior.rare.org/behavioral-levers/ (abgerufen am room/20240419IPR20589/neue-eu-vorschriften-weniger- 11.06.2025) verpackungen-mehr-wiederverwendung-und-recycling (abgerufen am 11.06.2025) Statista Research Department (2025). Anzahl der beim Verband der Unverpackt-Läden verzeichneten Unverpackt-Läden in European Parliament (2024). Stopping greenwashing: how the Deutschland in den Jahren 2023 und 2024. EU regulates green claims. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/1479567/ https://www.europarl.europa.eu/topics/en/ umfrage/anzahl-der-unverpackt-laeden-in- article/20240111STO16722/stopping-greenwashing-how- deutschland/#:~:text=In%20Deutschland%20wurden%20 the-eu-regulates-green-claims (abgerufen am 11.06.2025) im%20Jahr%202024%20zuletzt%20 235,Zusammenhang%20steht.%20Sofortiger%20European Union (2024). EU‘s Digital Product Passport: Zugriff%20auf%20%C3%BCber%201%20Mio. (abgerufen Advancing transparency and sustainability. am 11.06.2025) https://data.europa.eu/en/news-events/news/eus-digital- product-passport-advancing-transparency-and- United Nations Environment Programme (2025). sustainability (abgerufen am 11.06.2025) Intergovernmental Negotiating Committee on Plastic Pollution.Grothmann, Torsten; Frick, Vivian; Harnisch, Richard; Münsch, https://www.unep.org/inc-plastic-pollution (abgerufen am Marlene; Kettner, Sara Elisa; Thorun, Christian (2023). 11.06.2025) Umweltbewusstsein in Deutschland 2022 – Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage, S. 30. YouGov (2023). Plastikfrei(er) leben, S. 4. https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/ https://business.yougov.com/de/content/47270- umweltbewusstsein-in-deutschland-2022 (abgerufen am plastikfreier-leben (abgerufen am 11.06.2025) 11.06.2025) YouGov (2023). Plastikfrei(er) leben, S. 8. Grothmann, Torsten; Frick, Vivian; Harnisch, Richard; Münsch, https://business.yougov.com/de/content/47270- Marlene; Kettner, Sara Elisa; Thorun, Christian (2023). plastikfreier-leben (abgerufen am 11.06.2025) Umweltbewusstsein in Deutschland 2022 – Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage, S. 35. YouGov (2023). Plastikfrei(er) leben, S. 11. https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/ https://business.yougov.com/de/content/47270- umweltbewusstsein-in-deutschland-2022 (abgerufen am plastikfreier-leben (abgerufen am 11.06.2025) 11.06.2025) Grothmann, Torsten; Frick, Vivian; Harnisch, Richard; Münsch, Marlene; Kettner, Sara Elisa; Thorun, Christian (2023). Umweltbewusstsein in Deutschland 2022 – Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage, S. 49. https://www.umweltbundesamt.de/publikationen/ umweltbewusstsein-in-deutschland-2022 (abgerufen am 11.06.2025)

Interviews wurden mit folgenden Personen geführt:

co2online, Isabelle Ritter, Projektmanagerin co2online, Sebastian Metzger, Geschäftsführungsteam von co2online EMF, Ambrogio Miserocchi, Policy Manager Original Unverpackt, Katharina Richter, Geschäftsführerin Project Together, Gina Rembe, Mission Lead Circular Futures Project Together, Lukas Schuck, Team & Project Manager Bauwende Allianz RARE, Philipe Bujold, Verhaltensforscher REWE, Judith Maier, Projektmanagerin Nachhaltigkeit Ware Tim Jackson, Umweltökonom Umweltbundesamt, Dr. Hyewon Seo, Expertin für nachhaltigen Konsum VAUDE, René Bethmann, Innovationsmanager Veritas Edukasi Lingkungan, Benedict Wermter, Stiftungsgründer WWF, Laura Griestop, Senior Managerin

                                                                                       39

PDF-Seite 40

Auf dieser Seite wurde kein maschinenlesbarer Text gefunden; bitte Original-PDF prüfen.