Diese Seite katalogisiert bewusst breit und flach zehn Frageschulen, die an den Karl-Stack angrenzen, ohne bereits eigene Wiki-Seiten zu besitzen: Solution-Focused Brief Therapy (Steve de Shazer, Insoo Kim Berg, Milwaukee Brief Family Therapy Center, 1980er), Clean Language (David Grove, 1980er), Immunity to Change (Robert Kegan, Lisa Lahey), Ontologisches Coaching (Fernando Flores, Rafael Echeverría, Julio Olalla — Heidegger, Merleau-Ponty, Maturana, Searle, Austin), Motivational Interviewing (William Miller, Stephen Rollnick), Appreciative Inquiry (David Cooperrider, Suresh Srivastva, 1980er) und Theory U / Presencing (C. Otto Scharmer), plus Kurzprofile zu Focusing (Eugene Gendlin), Sokratisches Gespräch, Adaptive Leadership (Ronald Heifetz), Action Learning (Reg Revans) und Nonviolent Communication (Marshall Rosenberg). Zweck: Kontrastfolie für die im Wiki bereits vertretenen Anker (Cynefin, GROW/Inner Game, Co-Active, Heidelberger Schule/Tomm) — keine Einzelseiten, sondern eine gemeinsame Landkarte (sources/research/2026-08-08-adjacent-schools.md).

Fragelogik

Jede Schule baut ihre Fragen nach einer eigenen Sequenz-Logik, nicht nach Einzeltechniken:

  • SFBT hypothetisiert das Problem für gelöst und lenkt die Aufmerksamkeit ausschließlich auf die Anzeichen der bereits eingetretenen Lösung — nicht auf deren Ursache oder Herleitung (Wunderfrage).
  • Clean Language wiederholt die exakte Wortwahl des Gegenübers in einer von wenigen festen Schablonen; laut Sekundärquelle machen zwei Fragetypen (“What kind of X is that X?”, “Is there anything else about X?”) rund die Hälfte einer typischen Sitzung aus. Grove selbst führte laut Judy Rees nie eine kanonische Liste — die Zwölferliste ist eine Rekonstruktion durch Tompkins und Lawley.
  • Immunity to Change folgt einer festen vierstufigen diagnostischen Sequenz: Verbesserungsziel → gegenteiliges Verhalten → verdeckte Gegenverpflichtung → zugrundeliegende Big Assumption. Die Frage zielt nicht auf die Handlung, sondern auf die unsichtbare Logik hinter dem Nicht-Handeln.
  • Ontologisches Coaching befragt drei simultane “Domänen des Beobachters” — Sprache, Emotion, Körper — statt das Problem direkt anzusteuern; Ziel ist die gelernte Erzählung sichtbar zu machen, die eine Handlung zwingend erscheinen lässt (⟨Quelle: sources/coaching/2013-10-01-shabi-ontological-coaching/2013-10-01-shabi-ontological-coaching.md⟩).
  • Motivational Interviewing organisiert sich in vier Prozessen — Engaging, Focusing, Evoking, Planning — mit bewusster Unterdrückung des “righting reflex” zugunsten offener Fragen, die “change talk” hervorlocken statt vorzugeben (⟨Quelle: sources/coaching/2010-01-01-miller-rollnick-four-fundamental-processes-mi/2010-01-01-miller-rollnick-four-fundamental-processes-mi.md⟩).
  • Appreciative Inquiry durchläuft den 4-D-Zyklus (Discovery, Dream, Design, Destiny) ausschließlich mit wertschätzenden, zukunftsgerichteten Fragen; problembenennende Fragen kommen im Modell nicht vor.
  • Theory U markiert am Boden des U zwei komplementäre Fragen — Loslassen des Alten, Kommenlassen des Neuen — als Wendepunkt zwischen Wahrnehmen (Co-Sensing) und Schöpfen (Co-Creating).
  • Sokratisches Gespräch (Elenchus) erfragt zunächst eine Definition, prüft dann systematisch deren Konsequenzen, bis ein Widerspruch offenkundig wird.
  • Adaptive Leadership trennt zuerst technische von adaptiven Herausforderungen (“get on the balcony”, bewusster Rückzug aus dem Handlungsfeld), bevor überhaupt gefragt wird, was zu tun ist.
  • Action Learning (L = P + Q) befragt vorhandenes Expertenwissen (P) im Licht konkreter Erfahrung, um bei neuartigen Problemen “questioning insight” (Q) zu erzeugen.
  • Nonviolent Communication durchläuft vier feste Komponenten — Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis, Bitte — und formuliert die Bitte immer als konkrete, positive Handlung, nie als Forderung.
  • Focusing richtet die Frage nicht an den Verstand, sondern an den präverbalen, körperlichen “felt sense”, mit Raum für ein noch unbenanntes Gefühl.

Signature Questions

  • „Suppose one night, while you were asleep, there was a miracle and this problem was solved. How would you know? What would be different?” (SFBT, Wunderfrage)
  • „And what kind of […] is that […]?” / „And where/whereabouts is […]?” (Clean Language)
  • „And is there anything else about […]?” (Clean Language)
  • „And that’s like what?” (Clean Language)
  • „What assumptions am I making about myself, others, and the world that explain why I’m holding onto these competing commitments?” (Immunity to Change, paraphrasiert)
  • „In what domain are you observing yourself as uncreative? What standards are you applying? What would happen if you declared yourself a beginner instead?” (Ontologisches Coaching)
  • „What makes this change important to you?” / „What makes you confident you can do it?” (Motivational Interviewing, wörtlich aus dem Primärdokument)
  • „What is best of what has been and is currently being practiced?” (AI, Discovery)
  • „What wants to be let go? What wants to emerge?” (Theory U)
  • „Would you be willing to lay your pencil down on the desk, without tapping?” (NVC, Rosenberg, Beispiel für eine konkrete Bitte)

Annahmen

Epistemisch

Die zehn Schulen setzen sehr unterschiedliche Erkenntnisquellen voraus. SFBT, AI und Theory U beglaubigen Wissen über ein imaginiertes, zukunftsgerichtetes Bild — die Wunderfrage, das 4-D-Dream, die “highest future possibility” gelten jeweils als bereits zugänglich, bevor sie eingetreten sind (⟨Inference: das setzt voraus, dass diese Zukunft hinreichend konkret vorstellbar ist⟩). Clean Language beglaubigt ausschließlich das wörtliche Vokabular der befragten Person selbst als gültige Erkenntnisquelle — jede Paraphrase der fragenden Person gilt als Kontamination. Ontologisches Coaching und Immunity to Change beglaubigen Wissen, das der Person zunächst selbst unzugänglich ist (verdeckte Big Assumption, “Blindheit gegenüber der eigenen Blindheit”) und erst durch eine von außen kommende, strukturierte Befragung sichtbar wird — Autorität liegt hier beim geschulten Coach als demjenigen, der die richtige Frage stellt. Motivational Interviewing und NVC dagegen beglaubigen ausschließlich die von der Person selbst artikulierten Gründe, Gefühle und Bedürfnisse; die fragende Person darf explizit nichts hinzufügen (“avoiding righting reflex”). Das sokratische Gespräch beglaubigt Wissen über den logischen Widerspruch, der durch systematisches Nachfragen aufgedeckt wird — hier liegt die Autorität in der Konsistenzprüfung selbst, nicht in einer Person.

Ontologisch

Auch hier zwei sichtbar unvereinbare Bilder vom Menschen. Ontologisches Coaching setzt ein zutiefst individuelles, aber zugleich “transpersonales” Subjekt voraus: die Person ist ein “Beobachter”, konstituiert durch Sprache, Emotion und Körper, geformt von Narrativen, in die sie “eingetaucht” ist, und veränderbar bis auf die Ebene der “Seele” (⟨Quelle: 2013-10-01-shabi-ontological-coaching.md, Abschnitt “Transforming the self”⟩). Immunity to Change setzt ein Subjekt mit einem inneren, kompetenten “Immunsystem” voraus — Widerstand ist keine Schwäche, sondern eine sinnvolle, wenn auch unbewusste Schutzleistung. Focusing setzt einen Menschen voraus, dessen Erfahrung primär körperlich-präverbal existiert, bevor sie sprachlich wird. SFBT, AI und MI setzen dagegen ein Subjekt (bzw. eine Organisation) voraus, das die Lösung — oder zumindest brauchbare Fragmente davon — bereits in sich trägt; die Aufgabe der Frage ist es, sie sichtbar zu machen, nicht sie zu konstruieren. Adaptive Leadership und Action Learning setzen dagegen ein Subjekt voraus, das primär durch seine Position im System (Führungsrolle, Praxisgemeinschaft) bestimmt ist, nicht durch innere Struktur. ⟨Inference: diese Ontologien sind untereinander strukturell unvereinbar, insbesondere die individuell-transformative (Ontologisches Coaching) gegen die interaktions-/systemzentrierte Sicht, die im Wiki bereits über Cynefin vertreten ist, s. u. “Kritik & Grenzen”.⟩

Axiologisch

Was als gelungen gilt, hängt eng an der Zeitrichtung der jeweiligen Schule. SFBT, AI und Theory U setzen Fortschritt mit der Annäherung an ein positives Zukunftsbild gleich — “was wir studieren, wächst” (AI). Ontologisches Coaching setzt Gelingen mit einer Transformation “auf der Ebene der Seele” gleich, nicht mit Zielerreichung: gleiche Handlungen, aber ein verändertes Sein, gelten bereits als Erfolg. MI und NVC setzen Gelingen mit dem Verstehen und Aushalten von Ambivalenz bzw. mit einer konkreten, kooperationseinladenden Bitte gleich, nicht mit einer bestimmten inhaltlichen Entscheidung — der Prozess selbst (nicht-direktiv, konfrontationsfrei) ist der Wertmaßstab. Das sokratische Gespräch setzt Gelingen mit dem Aufdecken eines Widerspruchs gleich — hier ist Konfrontation selbst das Ziel, nicht etwas, das vermieden werden soll. ⟨Inference: die axiologische Kluft zwischen “Ambivalenz aushalten” (MI) und “Widerspruch aufdecken” (sokratisches Gespräch) bearbeitet dieselbe Situation — jemand hält eine möglicherweise nicht mehr tragfähige Position — mit entgegengesetzten Wertmaßstäben, siehe Quelle Abschnitt “Wo diese Schulen einander widersprechen”.⟩

Kritik & Grenzen

  • Appreciative Inquiry — Snowden (Cynefin) bezeichnet AI als “happy-clappy”, als “fluffy-bunny denial of the negative” mit “no engagement with the real problems of real life — at best distracting and at worst delusional, magical thinking”; sein prozeduraler Zusatzeinwand: Konsens um ein idealisiertes positives Zukunftsbild sei “easy to fake and easy to game” (zitiert nach sources/research/2026-08-08-cynefin-question-logic.md über sources/research/2026-08-08-adjacent-schools.md).
  • Theory U — dieselbe Snowden-Kritik: eine unplanbare, emergente Zukunft wird mit einem entdeckbaren Ziel verwechselt; unabhängig davon bestätigen akademische Reviews, Theory U werde der “real world complexity” nicht gerecht.
  • Clean Language — die behauptete “Reinheit” der Frage ist selbst eine Interpretation: welche Wörter aufgegriffen und in welcher Reihenfolge gespiegelt werden, ist bereits eine Auswahl der fragenden Person ⟨Inference: strukturanalog zu Jacksons Kritik an Cynefins Anspruch auf neutrale Diagnose, s. wiki/coaching-stack/cynefin.md⟩.
  • Ontologisches Coaching — das Primärdokument benennt die Tiefe des Eingriffs selbst als Unterscheidungsmerkmal (“rather than simply setting goals and achieving them”), diskutiert aber nicht die damit verbundene Nähe zur Psychotherapie ⟨Inference⟩. Cynefin/Snowden lehnt das zugrunde liegende individuumszentrierte Vokabular für Systemfragen explizit ab: “we’re defined by our interactions, not by what we are… changing interactions is a much more successful strategy than trying to change people” — ein direkter Widerspruch zur “Änderung der Seele” als Wirkungshebel.
  • Motivational Interviewing — der Verzicht auf den “righting reflex” kann bei echtem Wissens- oder Sicherheitsgefälle (z. B. akute Gefährdung) zu riskanter Zurückhaltung führen, weil MI strukturell zögert, ungefragt zu warnen ⟨Inference⟩.
  • Immunity to Change — geht von einem einzelnen, benennbaren Kern-Widerspruch aus; bei mehreren, einander überlagernden Big Assumptions (z. B. in Teams) wird das Modell schnell unhandlich ⟨Inference⟩. Die klassische wörtliche Vierschritt-Formulierung konnte in dieser Recherche nicht verifiziert werden.
  • Sokratisches Gespräch — auf das Aufdecken von Widersprüchen ausgelegt, nicht auf das Halten von Ambiguität; riskiert ein “Überführen”, wenn die fragende Person das Ziel bereits kennt (verdeckter Rat in Frageform).
  • Adaptive Leadership — die Unterscheidung technisch/adaptiv ist selbst eine Einschätzung der fragenden Person; eine Fehldiagnose bleibt vom Modell selbst unentdeckt ⟨Inference: strukturanalog zum “Confused”-Fehler in Cynefin⟩.
  • Action Learning — sagt wenig darüber, wie gute von schlechten Fragen (Q) unterschieden werden; setzt Fragequalität voraus, statt sie zu explizieren ⟨Inference⟩.
  • Nonviolent Communication — die vier Schritte setzen voraus, dass Gefühl und Bedürfnis bereits identifiziert werden können; bei diffuser oder dissoziierter Emotion ist das selbst schon die eigentliche Arbeit, nicht der Ausgangspunkt ⟨Inference; vgl. Focusing⟩.
  • Focusing — setzt eine trainierte Introspektionsfähigkeit voraus, die nicht bei allen Klient:innen gleich ausgeprägt ist ⟨Inference⟩.
  • SFBT — die Konzentration auf Ausnahmen und funktionierende Momente kann strukturelle oder systemische Ursachen unsichtbar machen, weil nach ihnen gar nicht gefragt wird ⟨Inference⟩.

Querschnittlich benannte Denkfallen (aus der Recherchenotiz): righting reflex (ungefragt korrigieren/beraten, sobald ein Problem sichtbar wird, von MI explizit benannt), verdeckter Rat in Frageform (eine Frage, die bereits die gewünschte Antwort suggeriert — Gegenpol zur “sauberen” Frage von Clean Language, Risiko im sokratischen Gespräch) und vorschnelle Lösungsorientierung (direkt zur Lösungsfrage springen, bevor die Problemlage verstanden ist — laut Cynefin/Snowden ein aktiv schädlicher Fehlertyp in komplexen/chaotischen Systemen).

Bezug zum Karl-Stack

Diese zehn Schulen liefern dem Karl-Stack vor allem Kontrastfolien: SFBT, AI und Theory U zeigen die zukunftsorientierte Gegenposition zu Cynefins gegenwartsbeschreibendem Ansatz — ein Grundkonflikt, den der Stack explizit offenhalten sollte statt ihn stillschweigend zu einer Seite hin aufzulösen. Clean Language schärft die Frage, wie “sauber” eine Frage in einem Agentensystem überhaupt sein kann, wenn schon die Auswahl der zurückgespiegelten Wörter eine Interpretation ist. Ontologisches Coaching und Immunity to Change bringen die tiefste, riskanteste Interventionsebene (“Seele”, verdecktes Immunsystem) ins Fundament — beide setzen dabei ein individuumszentriertes Menschenbild voraus, das mit Cynefins interaktionszentrierter Systemsicht in direktem Widerspruch steht. MI und NVC liefern konkrete, im Wortlaut geprüfte Formulierungsmuster (nicht-direktive offene Frage, konkrete positive Bitte), die sich technisch unmittelbar in einen Frage-Agenten übersetzen lassen — bringen dabei aber die Annahme mit, dass Konfrontation grundsätzlich vermieden werden sollte, was mit dem sokratischen Gegenmodell kollidiert.

Quellenlage

Live-Web-Recherche vom 2026-08-08 (sources/research/2026-08-08-adjacent-schools.md), gestützt auf zwei heruntergeladene und mit marker_single konvertierte Primärdokumente: Aboodi Shabis “Ontological Coaching” (2015, sources/coaching/2013-10-01-shabi-ontological-coaching/…md — Sekundärdarstellung mit Originalzitaten von Flaherty, Olalla, Echeverría) und das offizielle MINT-Handout “Four Fundamental Processes in MI” (Miller/Rollnick 2010, sources/coaching/2010-01-01-miller-rollnick-four-fundamental-processes-mi/…md). Alle übrigen acht Schulen stützen sich auf Websuchergebnisse und Sekundärliteratur (Wikipedia, Universal Coach Institute, SWEET Institute, Grokipedia, Judy Rees’ Substack, Life Coach Magazine, Umbrex, Bonn Institute, Toolshero, International Focusing Institute, philosophyprofessor.com, kimtasso.com, RapidBI, ein GitHub-gespiegeltes NVC-Trainingstranskript).

Lücken: Cooperriders Originalpapier (1987, mit Srivastva) konnte nicht beschafft werden (zwei fehlgeschlagene Downloadversuche: 404 bzw. HTML statt PDF). Scharmers eigene Formulierungen über die Websuche hinaus fehlen — ein abgerufenes PDF ließ sich nicht in lesbaren Text umwandeln. Kegan/Laheys wörtliche Vierschritt-Formulierung (“If I did X, then Y might happen…”) wurde nur sinngemäß über eine Sekundärquelle erschlossen. David Groves eigene Schriften wurden nicht direkt gesucht (laut Rees existiert ohnehin keine von ihm autorisierte Liste). De Shazers und Bergs Originalbücher wurden bewusst nicht gesucht (Rechercheumfang für diesen Schritt ausgeschöpft) — für eine vertiefte Ingest-Recherche wäre Keys to Solution in Brief Therapy (de Shazer, 1985) der nächste Schritt. Focusing, Sokratisches Gespräch, Adaptive Leadership, Action Learning und NVC wurden bewusst nur knapp behandelt (je eine Suche, keine Tiefenrecherche). Wechselwirkungen mit den bereits vertieften Wiki-Ankern (Tomm, GROW, Co-Active) über den Cynefin-Bezug hinaus sind nicht untersucht.

Siehe auch